Museums-Tipp: „Homosexualität_en“-Werbeplakat zu heißer Stoff für die DB

Letztes Jahr war zwischen Juni und Dezember die Ausstellung „Homosexualität_en“ in Berlin zu sehen. Diesen Mai geht es in weiter Münster. Doch diesmal gibt es Ärger mit dem Werbeplakat der Ausstellung, die über Monate an den präsenten Stellen der Hauptstadt prangten. In den Augen mancher verletzt das Plakat zu viele Grenzen. Für die Deutsche Bahn ist es gar zu „sexualisiert“ und „sexistisch“, als dass es in Bahnhöfen gezeigt werden dürfe. Das umstrittene Plakat zeigt nackte, gepiercte Brüste, einen stark geschminkten Mund – ohne Zweifel Elemente, die schnell mit der Sexualisierung des weiblichen Körpers in Verbindung gebracht werden. Doch zugleich zeigt es auch einen muskelbepackten, vernarbten Oberkörper, ein markantes Gesicht. Die eigentliche Irritation des Bildes liegt nicht in der Nacktheit und im Make-Up, sondern darin, dass sich der abgebildete Mensch den klassischen Kategorien entzieht. Schnell ertappt man sich bei der Überlegung, ob dort nun eigentlich ein Mann oder eine Frau auf dem Plakat abgebildet ist – eine Frage, auf die Model und Künster_in Heather Cassils bewusst keine Antwort geben möchte. Die Verwendung der gegenderten Schreibweise, die sich auch im Ausstellungstitel wiederfindet, ist ein weiteres bekanntes Reizthema, an dem sich oft die Geister scheiden.

Das Plakat enthält keine Forderungen, es zwingt dem Betrachter keine Botschaft auf. Aber es provoziert, und regt zum Nachdenken an. Was man daraus macht, liegt im Auge des Betrachters selbst. Für die einen ist es ein Angriff auf traditionelle Rollenbilder, für die anderen ist es ein Symbol für Vielfalt und auf Aufbrechen klassischer Schubladen.

Doch worum geht es eigentlich genau bei der Ausstellung, deren Werbeplakat für solchen Wirbel sorgt? Das Bild zeigt uns bereits, dass es nicht nur um nüchterne Fakten und historisch-soziologische Abrisse geht (obwohl auch das thematisiert wird), sondern auch um die Fragen von Normalität und Heterogenität, um Emotionen und Kultur, und auch dass man nicht nur Homosexualität(en) im engeren Sinne, sondern das ganze Feld der LGBTIQ-Bewegung im Blick hat. Mikiyo bietet uns brandheiße Eindrücke aus erster Hand:

Die Ausstellung besteht aus verschieden Räumen mit entsprechenden thematischen Schwerpunkten.
Der Besucher beginnt mit im „Ersten Mal“. Hier geht es in Audio-Beiträgen  vor allem um die Selbsterfahrung und Gedanken zum Coming-Out. Persönliche Gegenstände, wie Briefe, Schmuck oder Schuhe der Interview-Partner runden diesen Bereich ab und bringen den Besucher näher an die Personen, die hier einen Einblick in ihren ganz persönlichen Selbstfindungsprozess geben. Dabei bleibt auch das Politische immer von Bedeutung.
Als nächstes folgt ein Raum, der durch Porträts, Selbstporträts und Fotos, die auf die unterschiedlichen Frauenbilder der Geschichte aufmerksam machen. Bei so manchem Foto  verharrt der Betrachter und überlegt, ob es sich bei den beiden Frauen auf dem Bild wohl um Freundinnen, Schwestern oder gar Geliebte handelt. Die Abweichung von der Heteronormativität wird durch Fotos des 20 Jahrhunderts und Darstellungen vielfältigen Lustempfindens und Eindrücken schwul-lesbischer Kultur in“Andere Bilder“ ergänzt.
Ein wirkliches Highlight der Ausstellung ist das „Wilde Wissen“. Dort werden in alphabetischer Reihenfolge Schlaglichter Gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse der LGBTIQ-Szene präsentiert. Nicht nur die Spiegel-Cover der 80er haben es in diesen Bereich geschafft. Auch ein Glory Hole und das Kaffeeservice, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft der Damen 1989 als „offizielle Siegprämie“ des DFB für die Europameisterschaft erhielt, können hier bestaunt  (und natürlich kritisch hinterfragt) werden.
Besonders beeindruckend und bedrückend zugleich ist der Abschnitt „Schimpf und Schande“. Dort hört der Besucher in Akustik-Boxen sitzend, Bibel-Zitate und originale Audio-Dateien von Predigern, Politikern, Prominenten und Aktivisten. Hier geht es um die Thematisierung von Homophobie.
„Vor Gericht“ behandelt die juristische Situation und Entwicklung von Nichtheterosexuellen rund um den Globus. Gerichtsakten, Zeitungsartikel und eine beeindruckende Weltkarte geben einen Einblick in die, in vielen Ländern noch immer, problematische Situation vieler LGBTIQs.
Der Rosa Winkel gedenkt den queeren Opfern des Nationalsozialismus. Auch in den Jahrzehnten nach ´45 schwiegen viele Opfer, die in den Arbeits- und Konzentrationslagern den Rosa Winkel tragen mussten über ihr Leid und ihre Erlebnisse. Einige haben es doch getan. Ausgewählte Biographien bilden den Inhalt dieses Raumes.
Zwischen diesen Räumen befindet sich ein Kunstwerk von Heather Cassils. Mit Audioaufnahmen unterlegt, führt dieses Kunstwerk durchaus zu erneuter Irritation. Die Akustik ist auch noch im angrenzenden Bereich „Der Matrix“ zu hören. Dort geht es um den medizinisch, psychologisch und sexualwissenschaftlichen Blick. Auch hier belegen historische Dokumente den Wandel der Betrachtungsweise.

Alles in Allem handelt es sich bei Homosexualität_en um eine wirklich sehenswerte Zusammenstellung. Der Besucher, der nicht nur beiläufig einen Blick auf die Bilder werfen möchte, sollte viel Zeit mitbringen um die Ausstellung in vollem Umfang nutzen zu können. Wer einen Überblick über den gesellschaftlichen Umgang mit Homosexualität und Geschlecht und verschiedenen Aspekten erhalten möchte, sollte diese Ausstellung nicht verpassen!

Haltet ihr die Kritik am Plakat für gerechtfertigt?
Wer von euch war schon in der Ausstellung oder hat noch vor hinzugehen?

Was war euer Highlight? Würdet ihr die Ausstellung weiter empfehlen?

*Titelbild: Cover des Bildbandes zur Ausstellung. Das  gleiche Motiv ist auf den Werbeplakaten abgebildet.

Dieser Beitrag ist eine Kooperation von Brooklyn Bridge und Mikiyo.

Quellen und Links zum Weiterlesen
Spiegel.de: Mein Körper, das Kunstwerk
Deutsche Bahn zensiert „Homosexualität_en“-Poster
Homosexualität_en | Schwules Museum
„Homosexualität_en“: Deutsches Historisches Museum
Kulturstiftung des Bundes – Homosexualität_en
DHM: Homosexualität_en

22 Kommentare

  1. Burlesque
    9. Mai 2016

    Haltet ihr die Kritik am Plakat für gerechtfertigt?

    BrooklynBridge

    Das Plakat enthält keine Forderungen, es zwingt dem Betrachter keine Botschaft auf.


    Hm, darüber kann man sich natürlich streiten. Ich glaube, viele Menschen stören sich ja schon daran, dass man solche "Mischformen" antrifft. So wie für noch konservativere Menschen Piercings und Tattoos eine Beleidigung ihres Welt- und Menschenbilds sind, sind es aktuell für viele Leute queere Personen, die es doch tatsächlich wagen, sich ihre eigene Identität zu schaffen*.

    * Ginge es nach Wichtigkeit, hätte queeres Denken lange vor auffälligem Körperschmuck akzeptiert werden sollen.

    Aus meiner Sicht ist die Kritik natürlich bescheuert. Provozieren mag das Bild meiner Meinung nach schon, soll es auch. Ich sehe es aber auch nicht als erstrebenswert an, bei niemandem anzuecken. Es ist längst überfällig, den Menschen ins Bewusstsein zu rufen, dass nicht alles weiblich oder männlich; heterosexuell oder verwirrt ist.

    Je öfter wir mit solchem Bildmaterial konfrontiert werden, umso normaler wird es – deswegen kann ich diese Werbung nur befürworten, auch wenn man sich fragen kann, ob man es sich als LGBTQ-Anhänger nicht ein wenig mit dem Umfeld verscherzt. Meine Einschätzung ist, dass man das Risiko wagen soll; so viel traue ich der Gesellschaft langsam zu.

    Wer von euch war schon in der Ausstellung oder hat noch vor hinzugehen?
    Ja, war ich! Ich fand sie viel umfassender als das kleine "Schwule Museum" in Berlin. Selbst, wenn man sich mit Gender-Themen befasst, kann man noch viel Neues erfahren und auch der Unterhaltungswert ist sehr hoch gehalten. Eine gute Mischung aus Information, Inspiration und Spass!

    Was war euer Highlight? Würdet ihr die Ausstellung weiter empfehlen?
    Ich mochte den historischen Zusammenhang und die Ergänzungen aus der (aktuellen!) Wissenschaft. Eine sehr gute und durchdachte Ausstellung, die meiner Meinung nach jeder besuchen sollte – auch wenn ich verstehe, wenn man sich dazu entschliesst, manche Bereiche zu überspringen. Ich habe drei Stunden an der Ausstellung verbracht :tongue:

    Es ist schwer, hierzu Highlights anzugeben, weil ich letztes Jahr drei grosse Ausstellungen zu diesem Thema besucht habe und sich die Inhalte etwas vermischen. In Berlin gab es sicher ein interessant gestaltetes "Queer Alphabet" und viele sehr kreative (aktuelle) Kurzvideos, die zwischendurch auflockerten und eine gute Abwechslung zu den teilweise düsteren Themen boten. Ich verliess die Ausstellung jedenfalls nicht mit einem zu schweren Gefühl :zwinker:

  2. Tobias
    Tobias
    9. Mai 2016

    Ich war in der Ausstellung in Berlin und fand sie nicht gerade interessant, wobei ich jetzt auch nicht weiß, was ich erwartet habe, bin da ungeplant hereingelaufen, da ich mir die Hauptausstellung des Museums angeguckt hatte und da meine Begleitung sehr homophob war. 😀
    Das Plakat war mir gar nicht so stark aufgefallen, bzw. habe ich die Brüste nicht wirklich wahrgenommen und habe es wahrscheinlich als einen geschminkten Mann wahrgenommen, was ich jetzt nicht so außergewöhnlich finde. Nichts, worüber ich mir Gedanken machen würde. Auch meine sehr streng religiösen Freunde haben das nicht wirklich bemerkt. Bei der Ausstellung haben sie sich jedoch teilweise die Hände zu gehalten und fanden vieles eklig, außerdem haben sie gerne über ein schwules Besucherpaar gelästert. Das Interessanteste an der Ausstellung war somit für mich die Reaktion meiner Freunde..

  3. Katjes
    10. Mai 2016
    BrooklynBridge

    Haltet ihr die Kritik am Plakat für gerechtfertigt?

    Ich find's einfach hochnotunästhetisch…

  4. BrooklynBridge
    BrooklynBridge
    10. Mai 2016
    Burlesque

    Hm, darüber kann man sich natürlich streiten. Ich glaube, viele Menschen stören sich ja schon daran, dass man solche "Mischformen" antrifft. So wie für noch konservativere Menschen Piercings und Tattoos eine Beleidigung ihres Welt- und Menschenbilds sind, sind es aktuell für viele Leute queere Personen, die es doch tatsächlich wagen, sich ihre eigene Identität zu schaffen*.

    Die Botschaft des Bildes ist ja im Grunde genommen erstmal nur, dass soetwas existiert. Und natürlich provoziert es, und verstößt gegen konservative Erwartungen. Aber eine wirkliche Botschaft, sozusagen ein "Postulat", entsteht m.E. erst durch das, was der Betrachter sich selbst dazu denkt. Denn dass sowas existiert, und dass es irgendwie im weitesten Dunstkreis des Homo-Themas zu verorten ist, wird wohl selbst der konservativste Kritiker einräumen. :zwinker:

    Katjes

    Ich find's einfach hochnotunästhetisch…

    Diese Einschätzung ist natürlich dein gutes Recht. Vermutlich geht es vielen so. Aber genauso ist es das gute Recht eines jeden Menschen, sich nicht den Schönheitsidealen seiner Mitmenschen zu beugen. Auch gleichgeschlechtliche Küsse, Frauen und Hosen oder Männer in Röcken wurden schon des öfteren als Verstoß gegen die Ästhetik gesehen, teilweise verbunden mit gesellschaftspolitischen Forderungen wie "das will und soll doch keiner öffentlich sehen!". Zum Teil lag und liegt ja auch da der Kampf um Emanzipation von Homosexuellen (und co.): Dass auch Dinge gesellschaftsfähig werden, die nicht dem allgemeinen Geschmack entsprechen.

    Davon abgesehen glaube ich, dass ästhetisches Empfinden oft auch stark von der Gewohnheit geprägt wird, und je normaler ein bestimmter Anblick wird, und je mehr man sich von Vorbehalten löst, wird auch das ästhetische Empfinden anders ausfallen. So jedenfalls meine persönliche Erfahrung.

  5. chosy
    10. Mai 2016

    Ich beschäftige mich in meiner Freizeit ja durchaus intensiv mit der Sexualität, insbesondere auch mit "Homosexualitäten", aber dieses Plakat schreckt mich ab, die Ausstellung zu besuchen.
    Es wirkt sehr billig (Die Schrift ist völlig dilettantisch auf dem Bild platziert, so dass es schwer zu lesen ist.) und die Person drauf wirkt wie die vielen Transen in der Schwulenszene, welche schlecht geschminkt sind und einfach nicht ansprechend wirken. Klar mag hier vielleicht mit extremen gearbeitet worden sein, aber mich spricht es nicht an.

    Die Aussage für mich hier: Eine Ausstellung über Homosexualität welche von den meainstream Gender-Studies unterwandert wurde. Verstehe Ich voll und ganz, dass man sowas nicht aufhängen möchte. Magnus Hirschfeld würde sich da wohl im Grab umdrehen und der war wahrlich keine schönere Tante als die abgebildete Person.

  6. Katjes
    10. Mai 2016
    BrooklynBridge

    Aber genauso ist es das gute Recht eines jeden Menschen, sich nicht den Schönheitsidealen seiner Mitmenschen zu beugen.

    Überhaupt kein Widerspruch. Es bleiben aber die Fragen, ob es erstens eine gute Idee ist, mit einem solchen Motiv für die Ausstellung zu werben und zweitens, ob die Debile Bahn in diesem Fall zu Recht die Dinger nicht aufhängen will – Kunden vergraulen tut sie schon mit ihrer Unpünktlichkeit…

    chosy

    aber dieses Plakat schreckt mich ab

    Meine Rede…

  7. PhesKlNachtmusi
    10. Mai 2016

    Nope…..kein Interesse.
    Allerdings finde ich auch kein Konfliktpotential in dem Bild.
    Es reizt mich einfach nicht mehr, wenn irgendwer oder irgendwas unbedingt diesen Konfrontationskurs durch diese langsam peinlich werdende Genderdebatte sucht.

    Sollen die Leute halt sein wer oder was sie sein wollen…aber sich dann halt auch nicht wundern, wenn sie mal anecken. Dazu brauche ich aber keine Ausstellungen.

    Schlimmer finde ich dann schon eher die praktischen probleme, die aber durch solche Ausstellungen auch nicht gelöst oder unbedingt verbessert werden.

  8. BrooklynBridge
    BrooklynBridge
    10. Mai 2016
    Katjes

    Überhaupt kein Widerspruch.

    Hab ich auch nicht behauptet.

    Es bleiben aber die Fragen, ob es erstens eine gute Idee ist, mit einem solchen Motiv für die Ausstellung zu werben und zweitens, ob die Debile Bahn in diesem Fall zu Recht die Dinger nicht aufhängen will – Kunden vergraulen tut sie schon mit ihrer Unpünktlichkeit…

    Ich bezweifle, dass die Bahn durch solche Plakate Kunden vergrault.

    Über das Werbeplakat lässt sich natürlich diskutieren (und das tun wir ja auch). Die Frage ist aber, ob es wirklich der ästhetische Aspekt ist, der zum Stein des Anstoßes wird.

  9. chosy
    10. Mai 2016

    Über den Stein des Anstosses kann man diskutieren wie man will, es bleiben Spekulationen. Ob je eine fruchtbare Antwort aus so einer Diskussion herauskommt ist zu bezweifeln. Die Bahn hatte sicherlich ihre Gründe, ob es die sind, welche öffentlich benannt wurde, wissen wir nicht.

  10. Burlesque
    10. Mai 2016
    Off-Topic:
    Was die Ästhetik des Posters betrifft, so spricht es mich auch nicht so an. Nicht wegen dem Menschen selbst, aber ich finde es auch nicht so schön umgesetzt. Obwohl ich sehr mit dem Gedankengut der LGBTQ-Community sympathisiere, gefällt mir diese "schrille" Hochkontrast-Ästhetik nicht besonders, die oft verwendet wird.

    Natürlich entspringt das ja so ein wenig aus einer Szene und jede Szene hat ihre Trends, aber ich habe mich auch schon mit der Frage beschäftigt, ob diese Masche nicht eher hinderlich wirkt durch ihr eher aggressives Auftreten. Man beachte, dass ich den eigentlichen Anliegen wenig Kritik anzusetzen habe. Trotzdem gäbe es schönere Varianten, um einen gender-nichtkonformen Körper in Szene zu setzen.

    Da das aber nicht ein Argument war, das Poster abzuhängen, spieltes aber auch keine Rolle für diese Diskussion :zwinker:

  11. Katjes
    10. Mai 2016
    BrooklynBridge

    Die Frage ist aber, ob es wirklich der ästhetische Aspekt ist, der zum Stein des Anstoßes wird.

    Für mich: ja!

  12. BrooklynBridge
    BrooklynBridge
    10. Mai 2016
    Burlesque

    Obwohl ich sehr mit dem Gedankengut der LGBTQ-Community sympathisiere, gefällt mir diese "schrille" Hochkontrast-Ästhetik nicht besonders, die oft verwendet wird.

    Natürlich entspringt das ja so ein wenig aus einer Szene und jede Szene hat ihre Trends, aber ich habe mich auch schon mit der Frage beschäftigt, ob diese Masche nicht eher hinderlich wirkt durch ihr eher aggressives Auftreten.

    Das ist ja eigentlich das klassische Dilemma. Einerseits will Homosexualität als ganz normal anerkannt werden, etwas alltäglich-unauffälliges. Andererseits erregt das Unkonventionelle, "Schrille" nun mal Aufsehen und sorgt für Irritation, das liegt in der Natur der Sache. Dadurch kommt ja immer wieder die Kritik, dass es provozierend sei und es eben deshalb keine Normalität schafft. Im Umkehrschluss würde die Vermeidung von sowas aber auch bewirken, dass es immer das Besondere, Schräge, Auffällige ist. Eine gute Antwort darauf gibt es nicht, fürchte ich.

    Obwohl ich teilweise den Eindruck habe, dass das Auffällige von einigen auch ganz bewusst gewollt wird. Unter den Umständen kann es natürlich gar keine Normalität auf Dauer geben.

  13. Burlesque
    10. Mai 2016
    BrooklynBridge

    Das ist ja eigentlich das klassische Dilemma. Einerseits will Homosexualität als ganz normal anerkannt werden, etwas alltäglich-unauffälliges. Andererseits erregt das Unkonventionelle, "Schrille" nun mal Aufsehen und sorgt für Irritation, das liegt in der Natur der Sache. Dadurch kommt ja immer wieder die Kritik, dass es provozierend sei und es eben deshalb keine Normalität schafft. Im Umkehrschluss würde die Vermeidung von sowas aber auch bewirken, dass es immer das Besondere, Schräge, Auffällige ist. Eine gute Antwort darauf gibt es nicht, fürchte ich.

    Ich denke schon, dass es hilfreicher wäre, einen Link zu schaffen zur "normalen" Gesellschaft. D.h., innerhalb der Szene öfter auf Themen aufmerksam zu machen, die einen Bezug schaffen. Als Beispiel: Schönheitsideale aus verschiedenen Kulturen oder der Geschichte aufzeigen, so dass es den Menschen bewusst wird, wie relativ Geschlechterrollen werden können.

    Inklusion von verschiedenen Geschlechtern und Sexualitäten ist wichtig, aber wenn man nur provoziert, wirkt es auf Unbeteiligte sehr fordernd. Es wäre meiner Meinung nach daher cleverer, aufzuzeigen, was die Umsetzung der Anliegen nötig macht. Eine androgyne Person im Louix XIV Bekleidung; Absatzschuhen und viel Jaquard würde auch manchen Menschen wohl auch nachdenklich stimmen, erregt dabei aber weniger Missfallen. Oder schon etwas Auffälligeres, mir fällt aber gerade kein Beispiel ein.

    Es geht mir nicht darum, auf keinen Fall bei Menschen anzuecken, aber wenn die Provokation übers Ziel hinaus schiesst; d.h., keine Debatte erzeugt, sondern so abstrakt ankommt, dass das ganze Konzept abgelehnt wird, hat man eben keinem einen Gefallen getan. Ob das hier auch tatsächlich der Fall war, weiss ich nicht. Auf jeden Fall wollte man aber Besucher anlocken und nicht abschrecken :zwinker:

  14. BrooklynBridge
    BrooklynBridge
    10. Mai 2016
    Katjes

    Für mich: ja!

    D.h. du könntest dich prinzipiell für die Ausstellung interessieren, aber das Plakat würde dich dann doch davo abhalten, sie zu besuchen?

    Ehrlich gesagt finde ich das auffällige Motiv des Plakates gar nicht so überraschend oder – im positiven wie auch im negativen Sinne – schrill. Nicht mehr jedenfalls als auch andere Werbeplakate für Veranstaltungen. Solche Plakate sind doch sehr oft auffällig, schräg, seltsam – egal ob es um Ausstellungen, Theateraufführungen, Darbietungen von Komikern oder etwas anderes geht. Insofern finde ich das hier, unabhängig davon, worum es bei der Ausstellung inhaltlich geht, jetzt gar nicht so wirklich besonders.

    Werbeplakate sollen halt ein Blickfang sein. Und das erreicht man nur schwer, wenn man 08/15-Mainstream abbildet.

    Das einzige, wo ich wirklich einen Grund des Anstoßes sehe, ist die Nacktheit, wo man tatsächlich argumentieren kann, dass das nicht in z.B. Bahnhofsgebäude gehört. Das wurde hier interessanterweise noch gar nicht thematisiert.

  15. Katjes
    10. Mai 2016
    BrooklynBridge

    D.h. du könntest dich prinzipiell für die Ausstellung interessieren, aber das Plakat würde dich dann doch davo abhalten, sie zu besuchen?

    Es würde mich zumindest nicht motivieren.

    Ist aber eine müßige Diskussion, da es mich so gut wie nie in den Nord(westen) Deutschlands verschlägt.

  16. Lacrimae Puellae
    10. Mai 2016
    Burlesque

    Eine androgyne Person im Louix XIV Bekleidung; Absatzschuhen und viel Jaquard würde auch manchen Menschen wohl auch nachdenklich stimmen, erregt dabei aber weniger Missfallen.

    Ich bin mir nicht sicher, ob das tatsächlich weniger Missfallen erzeugen würde, eine historische Person (die nicht schwul war) auf einem Plakat zu imitieren, das eine Ausstellung zu Homosexualitäten bewirbt.
    Natürlich könnte man den Kleidungsaspekt aufgreifen (und in der Ausstellung natürlich darüber, wie sich 'angemessene' Kleidung für das jeweilige Geschlecht in den letzten 2000 Jahren verändert hat), aber ich denke nicht, dass dein Vorschlag tatsächlich eine realistische Vorstellung von der Ausstellung hervorrufen würde. Abgesehen davon, ginge das wohl schneller unter, weil es weniger auffällig ist.

    Ich finde das Plakat übrigens nicht stümperhaft gestaltet. Die Schrift wirkt ja beabsichtigterweise wie ein Kleidungsstück (zumindest auf der Version, die ich gesehen habe) und ist auch noch auf den Lippenstift abgestimmt :zwinker: es erinnert mich tatsächlich auch an ein Albumcover von Marilyn Manson. Was an einem Menschen in schlichter Unterhose ohne aufreizende Pose jetzt so sexualisiert wird, verstehe ich nicht so ganz (wie viel Werbung mit Frauen dürfte dann nirgends hängen) und was genau daran sexistisch sein soll, ist mir noch schleierhafter.

  17. PhesKlNachtmusi
    10. Mai 2016
    BrooklynBridge

    Das einzige, wo ich wirklich einen Grund des Anstoßes sehe, ist die Nacktheit, wo man tatsächlich argumentieren kann, dass das nicht in z.B. Bahnhofsgebäude gehört. Das wurde hier interessanterweise noch gar nicht thematisiert.

    "Wo was hingehört" ist aber auch eine Ansichtssache, bei der sich in einer Gesellschaft zwangsläufig auch irgendwie immer eine Gruppe findet, die sich auf den Schlipps getreten fühlt.

    In unserem Rathaus gibt es regelmäßig auch freie Kunstausstellungen.
    Vor anderthalb Jahren ungefähr eine Ausstellung einer hiesigen Malerin. Über die Kunst an sich kann man sich vielleicht streiten, aber einige fanden drei Bilder besonders anstößig, auf denen nackte Brüste zu sehen waren.

    Artikel dazu hier:
    Bürger beschwerten sich über Brüste im Rathaus

    Allerdings gibt der Artikel (entweder mäßig recherchiert oder in vorauseilendem Gehorsam) nicht ganz die Fakten wieder.

    Die betroffenen Bilder waren nicht offensiv dargestellt, so daß man ihnen nicht entgehen konnte. Sie waren zwar im öffentlichen Bereich der Rathauses aufgestellt, aber man hat um sie sehen zu können, um ein paar Aufstellwände herum gehen müssen.

    Bei den genannten 30 Beschwerden ist es auch geblieben und entgegen dem, was im Artikel geschrieben war gab es auch einen gemeinsamen Nenner woher die Beschwerden kamen…ich lasse aber das hier mal aus, weil es ja sowieso nur wieder zu sinnfreien Diskussionen führen würde.
    Interessanterweise wurde aber die Unterschriftenaktion, die bat die Bilder doch wieder an dem Ort aufzustellen und über 5000 Unterschriften erbrachte völlig ignoriert.

    Könnte man meinen sowas wären Einzelfälle…aber in Berlin-Köpenick gab es sowas auch schon….und in unserer Stadt auch noch mal. In diesem Fall aber noch absurder.
    Da ging es dann um abstrakte Kunst. Ein Bild zeigte ein stilisiertes schwarzes Ei vor rotem Hintergrund mit dem Titel "Ei" und im unteren Teil gab es zwei größere rote Eier vor schwarzem Hintergrund mit dem Titel "dicke Eier".
    Das führte zu Demonstrationen vor dem Rathaus von Personen die ihre kulturellen Gefühle verletzt sahen.

    Manchmal wünscht man sich….daß die verantwortlichen solcher Aktionen wenigstens ausreichend dicke Eier hätten solchen gewohnheits-dünnhäutigen mal die Meinung zu geigen.

    Wenn einem irgendwas nicht gefällt…hilft manchmal einfach wegguggen.

    Aber vielleicht bin ich auch einfach dickhäutiger was sowas angeht. Ich komm auch gut mit den typischen Männer-Kalendern klar in denen Sachen wie Werkzeuge, Autos oder Landmaschinen mit nackten Frauen beworben werden.

  18. Katjes
    11. Mai 2016

    Wie jeder Zug…

    …kann auch die DB vorwärts wie rückwärts… :zwinker:

    Deutsche Bahn zeigt "Homosexualität_en"-Plakat nun doch

  19. casanis
    11. Mai 2016

    Das Problem scheint sich ja gelöst zu haben.

    Auch wenn mich das Plakat natürlich keineswegs verstört, kann ich die DB schon ein wenig verstehen, dass sie eigentlich keine große Lust hatte, dieses Plakat in ihren Bahnhof zu hängen. Zumal sie da ja wohl das Hausrecht hat und m.E. eigentlich auch gar nicht groß begründen müsste, warum sie was wann wo aufhängt oder auch nicht.
    Da muss man nicht gleich "Zensur" schreien und "Diskriminierung" usw.

    Falls die Bahn eine "policy" hat, keine mittels Nacktheit stark sexualisierte Werbung für irgendwas aufzuhängen, dann wäre es m.E. durchaus schlüssig, dieses Plakat nicht im Bahnhof zu platzieren.
    Denn natürlich ist das stark sexualisiert. Was denn sonst? Man braucht sich ja nur mal vorzustellen, eine heteronormative Frau wäre in genau demselben Outfit (nackter Oberkörper, gepiercte Brustwarzen), dem selben knall rot geschminkten Mund, dem selben Blick und mit der selben grellen Bildausleuchtung dargestellt!
    Das wäre eine Aufregung, mit Sicherheit!

    Für mich persönlich ist es o.k. Aber die Aufregung, dass jemand das vielleicht nicht aufhängen will, finde ich absolut überzogen.

    Mich persönlich macht es übrigens definitiv nicht besonders neugierig auf die Ausstellung. Ich würde mir die Ausstellung zwar anschauen, aber sicherlich nicht wegen des Plakats. Eher im Gegenteil. Ich finde das Plakat ziemlich schlecht und auf Grund seiner "Schrillheit" und der Betonung von diesem ganzen "Body Modification" Kram (wsa m.E. überhaupt nicht zwangsläufig etwas mit Homosexualität_en zu tun hat) würde es eher dazu beitragen, dass ich eher skeptisch bezüglich dieser Ausstellung wäre. Wobei ich mich dann natürlich gerne eines Besseren belehren lassen würde.

  20. BrooklynBridge
    BrooklynBridge
    11. Mai 2016

    Das Argument der Nacktheit kann ich, wie gesagt, verstehen (und finde es etwas unsinnig vom Schwulen Museum, die Freizügigkeit des Bildes zu bestreiten). Ich finde zwar, dass ein unbeschwerterer Umgang mit Nacktheit wünschenswert wäre, aber das ist ja jetzt nicht unbedingt gesellschaftlicher Konsens.

    Über "sexualisiert" könnte man streiten. Sind Nacktheit, Nippelpiercing und rote Lippen sexualisiert?

    Was daran "sexistisch" sein solle wiederum verstehe ich wirklich nicht. Aber vielleicht war das auch einfach ein Schnellschuss in der ersten Begründung.

  21. Katjes
    11. Mai 2016

    Off-Topic:Offengesagt regt mich sowas hier wesentlich mehr auf als die Tatsache, daß die DB ein m.M.n. vergeigtes Plakat nicht aufhängen wollte…
    Link wurde entfernt

  22. casanis
    11. Mai 2016

    BrooklynBridgeDas Argument der Nacktheit kann ich, wie gesagt, verstehen (und finde es etwas unsinnig vom Schwulen Museum, die Freizügigkeit des Bildes zu bestreiten). Ich finde zwar, dass ein unbeschwerterer Umgang mit Nacktheit wünschenswert wäre, aber das ist ja jetzt nicht unbedingt gesellschaftlicher Konsens.

    Über "sexualisiert" könnte man streiten. Sind Nacktheit, Nippelpiercing und rote Lippen sexualisiert?

    Was daran "sexistisch" sein solle wiederum verstehe ich wirklich nicht. Aber vielleicht war das auch einfach ein Schnellschuss in der ersten Begründung.

    Was an dem Plakat "sexistisch" sein soll, verstehe ich auch nicht. Das ist mir unerklärlich.

    Einen unbeschwerteren Umgang mit Nacktheit halte ich natürlich auch für wünschenswert. Ich persönlich (als jemand, der z.B. gerne völlig unsexualisiert und ohne den Impetus andere sexualisieren zu wollen gerne nacktbadet etc. pp.) habe uch wie gesagt kein Problem mit dem Plakat, außer dass es mich eher etwas skeptisch gegenüber der Ausstellung macht, statt mich besonders dafür zu interessieren. Aber das ist ja nichts weiter als eine persönliche Geschmackssache und eine Frage, was ich mir von einer Ausstellung "Homosexualität_en" erwarten würde und was hingegen das Plakat als Ausstellungsschwerpunkt zumindest suggeriert (natürlich ohne dass es dann tatsächlich so sein muss).
    Ich würde mir auf Grund des Plakats einfach eine Ausstellung erwarten, in der insbesondere das "künstlerische Spiel" mit Gender bzw. Körperbildern im Vordergrund steht und keineswegs "Homosexualität" als vielfältiges privates und gesellschaftliches Phänomen und der Umgang damit in verschiedenen Zeiten und Kulturen (was ich eben viel interessanter fände). Oder anders ausgesprochen: Ich würde mir eher eine Kunstausstellung erwarten als eine, die das Thema eher sozialwissenschaftlich betrachtet und eine historische, soziologische vielleicht auch ethnologische Perspektive einnimmt.

    Warum ich geschrieben habe, dass es sich m.E. natürlich um "sexualisierte" Werbung handelt, bezieht sich natürlich darauf, was normalerweise unter "sexualisierter Werbung" verstanden wird.
    Wie gesagt: Wäre hier eine heteronormative Frau haargenau genauso abgebildet (inkl. der knallroten Lippen, Pose, Blick) wäre wohl der Aufschrei ("sexualisierte Werbung!!!")riesig. Ob zu Recht oder Unrecht ist ja erstmal zweitrangig.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.