Teil 1

Teil 2

Teil 3

Fazit

6 Wochen später

Es stimmt alles: Online-Dating ist anstrengend, frustrierend und ärgerlich. Entweder man wird um Aufmerksamkeit angebettelt oder zum Sexobjekt reduziert. Trotzdem, die letzten Wochen waren sehr lehrreich für mich. Ich habe viel über mich erfahren, viel mit (komplett) anderen Menschen interagiert, und neues erlebt, das mir sonst nicht passiert wäre. Und auch wenn es viele unangenehme Begegnungen gab, der Großteil der Männer war wirklich höflich und unkompliziert. Aber über diese Menschen schreibt man natürlich keinen interessanten Artikel. Mit meinem Date treffe ich mich übrigens immer noch. Und eine Person, mit der ich mich über die Plattform auf platonischer Ebene gut unterhalten habe, besucht mich nächstes Wochenende in meiner Stadt. Meine Erfahrungen mit OkCupid sind daher eher positiv, und das, obwohl ich maximal skeptisch war, ob mir Online-Dating überhaupt liegt. Die Bedenken, dass der Kennenlernprozess zu künstlich ist, sind schnell verflogen, wenn es dann mal mit einer Person geklappt hat.

Die Kunst des Aussortierens

Die Schattenseite des Online-Datings ist, dass man gezwungen ist, Menschen auszusortieren. Was man beim Offline-Dating unbewusst permanent tut, bekommt beim Online-Dating dadurch, dass es ein bewusster Akt ist, eine schale Note. Trotzdem, aussortieren muss man, gerade als Frau auf so einer Plattform. Ansonsten kann man sich nämlich nie auf die Leute konzentrieren, die einen wirklich interessieren. Und das Aussortieren will gelernt sein. Ich persönlich achte als erstes auf das Profilbild und den Anschreibtext. Wenn das Profilbild sympathisch oder interessant ist (muss kein Gesicht für mich sein, ich zeige meines ja auch nicht), kann das Profil auch leer sein.

Von Profiltexten halte ich sowieso nicht besonders viel. Ich habe kaum welche gesehen, die sich positiv von der Masse abgehoben haben und wirklich interessant und einladend waren. Die meisten waren eher farblose, unaussagekräftige, dabei aber oft sehr ausführliche 0815-Selbstbeschreibungen. Jeder mag halt irgendwelche Bücher und irgendwelche Filme, aber was sagt das wichtiges über den Charakter der Person aus? Außerdem ist gefühlt jeder sarkastisch und witzig, ohne dass auch nur ein Profil wirklich witzig, sarkastisch oder sonst wie scharfsinnig gewesen wäre. Eine ironische Anmerkung, die als ironische Anmerkung markiert ist, ist keine ironische Anmerkung mehr, zumindest keine, die ich wertschätzen kann. Da vergeht einem ja die Lust zum Mitdenken. Im Allgemeinen waren die meisten Profiltexte einfach zu beliebig, zu bemüht, hatten zu wenig Ecken und Kanten und waren nicht mutig genug. Die meisten Texte waren weder sympathisch noch unsympathisch, was für mich ein schlechtes Zeichen ist. Das bedeutet nämlich, dass sie nichtssagend waren. Jemand, der keinen Profiltext hatte, dafür ein interessantes Profilbild und einen gute Nachricht geschickt hat, hatte ergo größere Chancen, dass ich ihm antworte, als einer mit den gleichen Eigenschaften, der aber einen langweiligen Profiltext hatte.

Warum „Hi, wie geht’s?“ nicht optimal ist

Bei der ersten Nachricht achte ich darauf, ob es eine copy&paste-Nachricht ist, die man wahllos an jeden verschicken kann, oder ob die Leute etwas schreiben, mit dem sie zeigen, dass sie sich von meinem Profil wirklich angesprochen fühlen. Schließlich sollte es ja als Filter dienen. Wer also auf die Schlüsselwörter in meinem Profil eingegangen ist, hat definitiv Sympathiepunkte gesammelt. Ich mochte besonders gerne Anschriften, die sich zwar ein wenig kritisch, aber gleichzeitig witzig und geistreich mit meinem Profil auseinander gesetzt haben. Da hatte man sofort etwas, worüber man reden konnte, wodurch sich das unsägliche Gesmalltalke vermeiden ließ. Natürlich ist aber weder eine gute erste Nachricht noch ein gutes Profil ein Garant dafür, dass es zu einem Treffen kommt. Die Konkurrenz ist schließlich hoch, und es wird schnell klar, wen man näher kennenlernen will und wen nicht.

Man kann nicht jedem eine Chance geben, das funktioniert praktisch einfach nicht. Und wer seine Chance am Anfang der Konversation „verspielt“ – sei es durch Aufdringlichkeit, Unhöflichkeit oder auch einfach nur durch mangelnde Sympathie oder Langweiligkeit –, der verliert sie dann eben und bekommt meistens keine zweite. Männer machen das übrigens ähnlich mit Frauen, habe ich mir sagen lassen. Außerdem darf man den Aspekt Zufall nicht vernachlässigen. Mit dem Date, mit dem ich mich immer noch treffe, hatte ich beispielsweise keine besonders aufregende Unterhaltung (aber auch keine schlechte), getroffen haben wir uns am Ende aber trotzdem, und ich bin froh, dass das passiert ist. Er sagte mir hinterher, er weiß, dass er schriftlich nicht so charmant ist wie in Echt, deswegen schlägt er lieber schnell ein Treffen vor. Das ist dann wohl die Strategie, die für ihn am besten funktioniert.

Online oder offline? Beides!

Online-Dating ist wie wenn man sich auf einem Jahrmarkt befindet und jede Person, die einem entgegen kommt, als potenzielles Match betrachtet. Natürlich muss man sich durch den Wust an Menschen durchkämpfen, die nicht zu einem passen, und das werden die meisten sein. Natürlich begegnen einem Personen, die unhöflich oder aufdringlich sind. Aber ab und an findet man auch Perlen und Schätze, vor allem dort, wo man sonst vielleicht nicht hingeschaut hätte bzw. nie Gelegenheit hat hinzuschauen. Die Möglichkeiten so einer Plattform überwiegen, vor allem für Menschen, die sich von unangenehmen oder nervigen Begegnungen nicht runterziehen lassen.

Wer über solche Ereignisse hinwegsehen kann und seine Leichtigkeit nicht verliert, wird auch andere Menschen kennenlernen. Je aussagekräftiger das Profil (Tipp: Show, don’t tell), je eher man weiß, was man will oder nicht will und sich auch traut, das zu kommunizieren, desto besser funktioniert es wohl. Online-Dating ist sicher nicht für jeden sinnvoll, schon gar nicht für Menschen mit niedriger Frusttoleranz. Eine interessante Ergänzung zum Offline-Dating – besonders dann, wenn dort gerade Ebbe herrscht – ist es allerdings schon.