Pünktlich zum Beginn der Familiensynode des Vatikan, auf der es um Reizthemen wie Abtreibung, Scheidung und Homosexualität gehen soll, hat ein Mitglied der Glaubenskongregation das Tabu gebrochen: In einem überraschend deutlichen und offensiven Outing hat Krystof Chamsara sich zu seiner Homosexualität bekannt und einen Richtungswechsel der Kirche gefordert, und damit nicht nur innerhalb der Kirche und in seiner polnischen Heimat für Aufsehen gesorgt.

Chamsara sei glücklich und stolz auf seine eigene Identität. Zugleich stellte er auch seinen Partner vor, womit er mit dem Zölibat sogleich ein anderes Tabuthema berührte. Homosexuelle Liebe sei eine „familiäre Liebe, eine Liebe, die Familie braucht“. Seit er zu seiner Liebe stehe, sei er ein besserer Priester und Prediger geworden. Abstinenz und ein Leben ohne Liebe sei unmenschlich, so Chamsara weiter.

Neben diesen deutlichen Worten, die viele Grundsätze der katholischen Kirche in Frage stellen, stellte Chamsara der Öffentlichkeit auch ein Zehn-Punkte-Manifest vor. Seine Forderungen an dir Kirche zum Thema Homosexualität lauten:

  • Beseitigung von Homophobie und Diskriminierung von LGBT-Menschen
  • Verurteilung der Bestrafung von Homosexualität
  • Nichteinmischung in die Menschenrechtsdebatten demokratischer Staaten (insb. mit Blick auf Zivilehe und Schutz sexueller Minderheiten)
  • Widerrufung kirchlicher Dokumente, die grausam oder inkompetent Homosexuellen gegenüber sei
  • Wiederaufnahme der Ordination homosexueller Priester
  • ernsthafte und interdisziplinäre wissenschaftliche Reflektion über Sexualmoral
  • Revision der Interpretation biblischer Texte über Homosexualität
  • ökumenischer Dialog über Homosexualität
  • um Vergebung bitten für vergangene und aktuelle Vergehen gegenüber Homosexuellen
  • Respekt und Öffnung gegenüber homosexuellen Gläubigen

Chamsara betonte jedoch, es gehe ihm nicht darum, die Kirche zu zerstören, sondern ihr zu helfen, sich zu bewegen. Große Teile des Klerus seien homosexuell und traurigerweise zugleich homophob. Zugleich dankte er „unserem fantastischen Papst“, der den Glauben an den Dialog wiederbelebt habe.

Die negative Reaktion der Kirchenspitze folgte umgehend. Seine Äußerungen seien schwerwiegend und verantwortungslos, und sie setzten die Kurie unter ungebührlichen Mediendruck. Sein zuständiger Bischof rief die Gläubigen auf, für Chamsara zu beten, der im Widerspruch zum Evangelium und den Lehren der Kirche stünde. Außerdem wurde Chamsara umgehend seines Amtes in der Glaubenskongregation enthoben.

Chamsara hatte dieses Ende seiner beruflichen Existenz bereits erwartet. Dennoch wolle er weitermachen, und sich als Anwalt für sexuelle Minderheiten und deren Familien einsetzen: „Ich glaube, dass ich auch deswegen Priester bin, um für diese Rechte einzustehen.“

Quellen:
Katholische Kirche – Schwuler Priester im Vatikan
Vatikan: Einflussreicher Theologe und Priester outet sich als schwul
Zehn gebotene Thesen: Das Manifest von Krzysztof Charamsa
[4.10.2015]

Bildquelle: Manfred Rose  / pixelio.de

Ist der Schritt mutig, oder naiv?
Sollte es mehr Menschen wie Krystof Chamsara geben?
Wird er etwas ändern, oder wird sein Aufruf verpuffen?
Wird der mit seinem Timing die Familiensynode überschatten, oder war es gerade der richtige Zeitpunkt?