Letztes Jahr war zwischen Juni und Dezember die Ausstellung „Homosexualität_en“ in Berlin zu sehen. Diesen Mai geht es in weiter Münster. Doch diesmal gibt es Ärger mit dem Werbeplakat der Ausstellung, die über Monate an den präsenten Stellen der Hauptstadt prangten. In den Augen mancher verletzt das Plakat zu viele Grenzen. Für die Deutsche Bahn ist es gar zu „sexualisiert“ und „sexistisch“, als dass es in Bahnhöfen gezeigt werden dürfe. Das umstrittene Plakat zeigt nackte, gepiercte Brüste, einen stark geschminkten Mund – ohne Zweifel Elemente, die schnell mit der Sexualisierung des weiblichen Körpers in Verbindung gebracht werden. Doch zugleich zeigt es auch einen muskelbepackten, vernarbten Oberkörper, ein markantes Gesicht. Die eigentliche Irritation des Bildes liegt nicht in der Nacktheit und im Make-Up, sondern darin, dass sich der abgebildete Mensch den klassischen Kategorien entzieht. Schnell ertappt man sich bei der Überlegung, ob dort nun eigentlich ein Mann oder eine Frau auf dem Plakat abgebildet ist – eine Frage, auf die Model und Künster_in Heather Cassils bewusst keine Antwort geben möchte. Die Verwendung der gegenderten Schreibweise, die sich auch im Ausstellungstitel wiederfindet, ist ein weiteres bekanntes Reizthema, an dem sich oft die Geister scheiden.

Das Plakat enthält keine Forderungen, es zwingt dem Betrachter keine Botschaft auf. Aber es provoziert, und regt zum Nachdenken an. Was man daraus macht, liegt im Auge des Betrachters selbst. Für die einen ist es ein Angriff auf traditionelle Rollenbilder, für die anderen ist es ein Symbol für Vielfalt und auf Aufbrechen klassischer Schubladen.

Doch worum geht es eigentlich genau bei der Ausstellung, deren Werbeplakat für solchen Wirbel sorgt? Das Bild zeigt uns bereits, dass es nicht nur um nüchterne Fakten und historisch-soziologische Abrisse geht (obwohl auch das thematisiert wird), sondern auch um die Fragen von Normalität und Heterogenität, um Emotionen und Kultur, und auch dass man nicht nur Homosexualität(en) im engeren Sinne, sondern das ganze Feld der LGBTIQ-Bewegung im Blick hat. Mikiyo bietet uns brandheiße Eindrücke aus erster Hand:

Die Ausstellung besteht aus verschieden Räumen mit entsprechenden thematischen Schwerpunkten.
Der Besucher beginnt mit im „Ersten Mal“. Hier geht es in Audio-Beiträgen  vor allem um die Selbsterfahrung und Gedanken zum Coming-Out. Persönliche Gegenstände, wie Briefe, Schmuck oder Schuhe der Interview-Partner runden diesen Bereich ab und bringen den Besucher näher an die Personen, die hier einen Einblick in ihren ganz persönlichen Selbstfindungsprozess geben. Dabei bleibt auch das Politische immer von Bedeutung.
Als nächstes folgt ein Raum, der durch Porträts, Selbstporträts und Fotos, die auf die unterschiedlichen Frauenbilder der Geschichte aufmerksam machen. Bei so manchem Foto  verharrt der Betrachter und überlegt, ob es sich bei den beiden Frauen auf dem Bild wohl um Freundinnen, Schwestern oder gar Geliebte handelt. Die Abweichung von der Heteronormativität wird durch Fotos des 20 Jahrhunderts und Darstellungen vielfältigen Lustempfindens und Eindrücken schwul-lesbischer Kultur in“Andere Bilder“ ergänzt.
Ein wirkliches Highlight der Ausstellung ist das „Wilde Wissen“. Dort werden in alphabetischer Reihenfolge Schlaglichter Gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse der LGBTIQ-Szene präsentiert. Nicht nur die Spiegel-Cover der 80er haben es in diesen Bereich geschafft. Auch ein Glory Hole und das Kaffeeservice, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft der Damen 1989 als „offizielle Siegprämie“ des DFB für die Europameisterschaft erhielt, können hier bestaunt  (und natürlich kritisch hinterfragt) werden.
Besonders beeindruckend und bedrückend zugleich ist der Abschnitt „Schimpf und Schande“. Dort hört der Besucher in Akustik-Boxen sitzend, Bibel-Zitate und originale Audio-Dateien von Predigern, Politikern, Prominenten und Aktivisten. Hier geht es um die Thematisierung von Homophobie.
„Vor Gericht“ behandelt die juristische Situation und Entwicklung von Nichtheterosexuellen rund um den Globus. Gerichtsakten, Zeitungsartikel und eine beeindruckende Weltkarte geben einen Einblick in die, in vielen Ländern noch immer, problematische Situation vieler LGBTIQs.
Der Rosa Winkel gedenkt den queeren Opfern des Nationalsozialismus. Auch in den Jahrzehnten nach ´45 schwiegen viele Opfer, die in den Arbeits- und Konzentrationslagern den Rosa Winkel tragen mussten über ihr Leid und ihre Erlebnisse. Einige haben es doch getan. Ausgewählte Biographien bilden den Inhalt dieses Raumes.
Zwischen diesen Räumen befindet sich ein Kunstwerk von Heather Cassils. Mit Audioaufnahmen unterlegt, führt dieses Kunstwerk durchaus zu erneuter Irritation. Die Akustik ist auch noch im angrenzenden Bereich „Der Matrix“ zu hören. Dort geht es um den medizinisch, psychologisch und sexualwissenschaftlichen Blick. Auch hier belegen historische Dokumente den Wandel der Betrachtungsweise.

Alles in Allem handelt es sich bei Homosexualität_en um eine wirklich sehenswerte Zusammenstellung. Der Besucher, der nicht nur beiläufig einen Blick auf die Bilder werfen möchte, sollte viel Zeit mitbringen um die Ausstellung in vollem Umfang nutzen zu können. Wer einen Überblick über den gesellschaftlichen Umgang mit Homosexualität und Geschlecht und verschiedenen Aspekten erhalten möchte, sollte diese Ausstellung nicht verpassen!

Haltet ihr die Kritik am Plakat für gerechtfertigt?
Wer von euch war schon in der Ausstellung oder hat noch vor hinzugehen?

Was war euer Highlight? Würdet ihr die Ausstellung weiter empfehlen?

*Titelbild: Cover des Bildbandes zur Ausstellung. Das  gleiche Motiv ist auf den Werbeplakaten abgebildet.

Dieser Beitrag ist eine Kooperation von Brooklyn Bridge und Mikiyo.

Quellen und Links zum Weiterlesen
Spiegel.de: Mein Körper, das Kunstwerk
Deutsche Bahn zensiert „Homosexualität_en“-Poster
Homosexualität_en | Schwules Museum
„Homosexualität_en“: Deutsches Historisches Museum
Kulturstiftung des Bundes – Homosexualität_en
DHM: Homosexualität_en