Fast jeder wird die Geschichte von Christiane F. und ihrer Jugend auf dem Kinderstrich am Bahnhof Zoo kennen. Drogen brachte nicht nur sie, sondern auch zahlreiche Jungs und junge Männer in die Szene. Doch wie sieht es heute in den deutschen Großstädten aus? Das Milieu steckt für Außenstehende voller Geheimnisse und mindestens genauso vieler Vorurteile. Grund genug euch heute einen kleinen Einblick in die Arbeit von Streetworkern zu geben, die versuchen genau diesen Jungs hilfreich zur Seite zu stehen.
Meine Informationen beziehen sich dabei auf Gespräche mit Mitarbeitern eines Vereins, der sich in einer deutschen Großstadt aktiv für die Jungs einsetzt. Die Stadt und der Verein werden bewusst nicht genannt.Wenn man(n) eine Bar betritt und im Gastraum nur junge sehr attraktive Männer und tendenziell eher Herren Ü50 vorfindet, wird einem schnell klar wo man ist: in einer der in der Szene einschlägig bekannten Stricherkneipen. Diese Kneipen sind ein zentraler Punkt an dem Jungs und Freier aufeinandertreffen. Nicht immer endet das beim Sex, oftmals aber schon und die ungleichen Paare verlassen gemeinsam die Lokalität. Die Wirte wissen natürlich, was sich in ihren Räumlichkeiten abspielt. Sie sind Teil der Szene, kennen ihre Stammkunden und sind ein wichtiger Teil der lokalen, teilweise familiär anmutenden Szene.

Nachts mischen sich regelmäßig die Streetworker unter die Gäste. Verteilen Kondome und Gleitgel (welche auch oft in Boxen des Vereines in den Bars ausliegen), zeigen Präsenz und bieten somit auch die Gelegenheit zur Kontaktaufnahme und Beratung. Je nach Verein/ Stadt fahren auch regelmäßig Fahrzeuge auf den Straßenstrich um auch diese Jungs zu erreichen. Sie verteilen Flyer und Visitenkarten um auch im Notfall für die Jungs da zu sein. Gelegentlich werden sie auch zu Polizeieinsätzen im Milieu gerufen um zu vermitteln. Man kennt sich.

Diese Beratung selbst findet meist in den Vereinsräumen statt, welche ab dem späten Vormittag bis zum Abend für die Jungs offen stehen. Hier steht den Jungs nicht nur Fachpersonal zur Verfügung. Sie können sich duschen, ihre Wäsche waschen, gemeinsam kochen, schlafen und einfach mal von der Szene abschalten und zur Ruhe kommen. Hier dürfen keine Drogen konsumiert werden. Regelmäßig findet auch eine medizinische Sprechstunde statt, in der es vor allem um „Safer Work“ geht. Die Jungs werden nicht dazu überredet auszusteigen. Wenn sie es wünschen, werden sie beim Weg aus der Szene begleitet. Oftmals kommt es aber auch vor, dass die Beratungsgespräche den schon eingeschlagenen Weg in die Szene begleiten und die Grundlagen des Safer Sex erstmals vermitteln müssen. In den Beratungsgesprächen wird auch weitervermittelt: Beratungsstellen zur Drogen-/Spielsucht, Geschlechtskrankheiten, je nachdem was gebraucht wird.
Da stellt sich die Frage „Welcher junge Mann entscheidet sich freiwillig für diesen Weg?“

Die Szene ist schnelllebig. Zu Beginn der 90er war die Szene in den Großstädten voll mit deutschen Jungs aus eher ländlichen Regionen, die ihre ersten homosexuellen Erfahrungen machen wollten. Heute sind in der Szene eher wenige deutsche Jungs zu finden. Diese nutzen eher das Internet zur Kontaktaufnahme. So bleiben die Bars, einschlägigen Pornokinos und die Straße für diejenigen, die technische oder sprachliche Probleme haben. Junge Männer aus Südamerika beherrschen die Szene in Städten wie Köln. In Berlin und München sind junge Bulgaren und Rumänen aktuell in der Mehrheit. Viele können bei ihrer Ankunft kein Wort deutsch und nur sehr wenig Englisch.

Oft kommen sie nach Deutschland weil Verwandte, Bekannte oder Nachbarn ihnen vom großen Geld in Deutschland erzählen. Wie sie dieses Geld verdienen sollen, erfahren einige Jungs erst, wenn sie schon fern der Heimat sind. Im Idealfall werden die Neuankömmlinge von ihren „Anwerbern“ angelernt, in die Szene eingeführt und auf ihre Gefahren aufmerksam gemacht. Im schlechtesten Fall werden sie ins Kalte Wasser gestoßen und um ihr Geld gebracht. Besonders problematisch ist die Situation für Jungs aus Kulturkreisen in denen Homosexualität ein Tabu ist. Sie handeln wider ihrer moralischen Vorstellungen und greifen in vielen Fällen zu Drogen um die Situation erträglich zu gestalten. Dass sie Kiffen, Heroin, Chrystal, Spielsucht und Alkohol nur noch weiter in die Abwärtsspirale treiben, ist dabei nebensächlich.

Die schlechte wirtschaftliche Lage ist es, die die jungen Männer in die deutschen Städte bringt. Die meisten haben keinen Schulabschluss, viele sind Analphabeten. In ihren Dörfern verdienen sie im Monat nur einen Bruchteil von dem, was sie hier in einer Nacht auf die Hand bekommen. In einer Nacht kann ein junger Mann mehrere hundert Euro verdienen. Wenn er ganz neu in der Szene ist verdient er umso besser. Wenn sein Genital entsprechend gut ausgebildet ist, wird es noch mehr. Irgendwann ist man in der Szene bekannt, verdient hier weniger Geld. Die Gelegenheitsprostitution geht ihrem Ende entgegen.
Wer dann noch hier bleiben will, holt Frau und Kinder nach(die teilweise in der Heimat nichts ahnend warten) und bemüht sich um den Ausstieg. Der Großteil geht zurück in die Heimat, baut ein kleines Haus, lebt wieder den Alltag und versucht zu vergessen. Über das erlebte spricht man nicht. In Rumänien gibt es drei Dörfer, aus denen fast jeder junge Mann diesen Weg gegangen ist.

Die Streetworker sind mehrsprachig. Sprechen die Sprachen ihrer Jungs und werden schnell zur Vertrauten. Die Frage nach Kriminalität in der Szene wird wider meinen Erwartungen beantwortet. Die Szene sei familiär. Durch die Kneipen kennt man sich. Den „guten Ruf“ zu verlieren, könne man sich nicht leisten. Man passe auch gegenseitig auf sich auf. Gewaltaten und Diebstähle wären eher ein Problem vor den Kneipen mit Szenenexternen.
Teilweise entstehen „Beziehungen“ zwischen den Jungs und ihren Freiern. Die Jungs wohnen dort, gehen weiter in die Kneipen um Geld zu verdienen und irgendwann wieder in die Heimat oder in eine andere Stadt.

Beruhigend zu wissen, dass sie zumindest im Milieu nicht immer alleine sind, sondern die Vereine und ihre Streetworker für die Jungs da sind und ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

In Deutschland gibt es 7 Anlaufstellen für sich prostituierende Jungs und junge Männer. In der Schweiz gibt es in Zürich eine Anlaufstelle. Ich schließe diesen Beitrag mit den Kontaktdaten und einem großen Dank an die Menschen, die den Jungs tagtäglich das Leben erleichtern und ein offenes Ohr für sie haben!

Dieser Beitrag ist bereits im Jahr 2013 im Satelliten erschienen. Nach dem TV-Tipp „Ware Mädchen – Prostitution unter Zwang“ soll er hier eine Ergänzung/ Erweiterung der Thematik darstellen.

Kontaktadressen und Anlaufstellen für Jungs und junge Männer die sich prostituieren:
Berlin
subway
Nollendorfstraße 31
10777 Berlin
Tel.: 030 – 215 57 59
jungs@subway-berlin.de

Essen
Nachtfalke
Varnhorst Str. 17
45127 Essen
Tel.: 0201 / 105 37 22

Frankfurt a.M.
KISS – Kriseninterventionsstelle für Stricher
Alte Gasse 32 HH
60313 Frankfurt
Tel.: 069-293671
kiss@frankfurt.aidshilfe.de

Hamburg
BASIS-Projekt
Pulverteich 17
20099 Hamburg
U/S Hauptbahnhof
Tel.: 040-2801607
basis-projekt@basisundwoge.de

Köln
Looks e.V. Köln
Pipinstraße 7
50667 Köln
Tel.: +49 221 2405650
info@looks-ev.de

München
Marikas
Dreimühlenstraße 1
80469 München
Tel.:089 – 725 90 84
marikas@hilfswerk-muenchen.de

Stuttgart
Café Strich Punkt
Tel.: 0711/553 26 47
info@verein-jugendliche.de

Zürich
HERRMANN
Häringstrasse 3
Eing. „Speak out“
8001 Zürich
Tel.: 044 455 59 00
herrmann@zah.ch

Wer keine der hier genannten Städte in seiner Nähe hat, kann sich auch an andere lokale Beratungsstellen wenden. Eine umfangreiche Auflistung findet ihr in unserem Kummerkasten.