Syphilis als Großstadtphänomen

Syphilis als Großstadtphänomen

Kürzlich veröffentlichte das Robert-Koch-Institut in Berlin (RKI) die neuen Zahlen über die Verbreitung von Syphilis in Deutschland.  Noch nie gab es, seit der Wiedereinführung der Meldepflicht 2001, so viele Neuinfektionen in Deutschland!
Die Deutsche Hauptstadt bleibt leider auch in dieser unrühmlichen Statistik die Hauptstadt – die Presse titel: Berlin ist die Hauptstadt der Syphilis.

Das Ranking

Mit 39 Fällen auf 100.000 Einwohner ( 6834 Fälle) führt Berlin in der Statistik. Schon 2014 war Berlin Spitzenreiter Statistik. Damals gab es aber nur 31 Infektionen pro 100.000 Einwohner. Seit 2006 hat sich diese Zahl sogar mehr als verdoppelt (16,8).

Die neue Statistik des RKI belegt wieder mal die Tatsache, dass sich sexuell übertragbare Infektionen (STI) vor allem in Großstädten und Ballungszentrum ausbreiten. Auch Städte wie Köln (36 Fälle pro 100.000 Einwohner), München (30), Frankfurt (30), Düsseldorf (27), Leipzig (24), Hamburg (21) und Stuttgart (20) liegen weit über dem Bundesschnitt mit 8,5 Fällen.

Am niedrigsten seien die Zahlen aus Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen (maximal 3,7 Fälle pro 100.000 Einwohner) gewesen.

Was ist Syphilis?

Syphilis wird durch Treponema pallidum, ein Bakterium, hervorgerufen. Zunächst treten kleinere Geschwüre oder Knötchen im Intim– oder Mundbereich auf, die eine sehr ansteckende Flüssigkeit absondern, dabei manchmal aber weder sichtbar noch schmerzhaft sind. Diese Flüssigkeit wird vor allem beim Geschlechtsverkehr übertragen. Kondome schützen, können aber das Risiko aber nicht völlig auf Null senken, weil die Flüssigkeit auch über die Finger oder Kontakt mit Körperstellen, die nicht von Kondom geschützt werden, übertragen wird. Auch bei der gemeinsamen Verwendung von Sextoys sollten Kondome benutzt werden. Bei Infektionen im Mundraum kann auch Küssen und Oralsex zum Übertragungsweg werden. Die Verwendung von Kondomen oder Lecktüchern kann hier eure Gesundheit schützen.
Nach dem Abheilen der Geschwüre verläuft die STI in Schüben:
In der zweiten Phase kann Fieber oder Hautausschlag an Rumpf, Handflächen und Fußsohlen auftreten. In der Spätphase der Syphilis treten gummiartige verhärtete Knoten am ganzen Körper auf.

doctor-563428_1920Wie wird Syphilis behandelt?

Sollte man Anzeichen bei sich oder dem Sexualpartner feststellen, ist ein Gang zum Arzt Pflicht.  Der Bluttest bringt Gewissheit. Mit Penizillin lässt sich Syphilis gut behandeln und es sind keine Folgeschäden zu befürchten. Dabei müssen aber natürlich auch beide bzw. alle Sexualpartner behandelt werden, um den Ping-Pong-Effekt (gegenseitige Wiederansteckung) zu vermeiden.
Unbehandelt führt Syphilis nicht nur zu Hautausschlägen. Es kann nachhaltige und lebensgefährdende Organschäden, auch im Gehirn, hervorrufen und sollte daher unbedingt behandelt werden. Die Infektion wird daher auch anonym ans RKI gemeldet.

Nur bei Rund 30% der Infektionen wird die Erkrankung im Frühstadium entdeckt. Ein Grund mehr, gut auf sich, seinen Körper und seine Partner zu achten!

Warum die Großstädte?

Die deutschen Großstädte sind auch ein Raum für Party, Drogen, unverbindlichen und käuflichen Sex und (gerade im Bezug auf Städte wie Berlin und Hamburg) Sextourismus. Gerade in der „Schwulenszene“, sei die STI sehr verbreitet. Das RKI vermutet, aufgrund von Aussagen der Patienten, dass bis zu 85 Prozent der Infektionen bei Sex zwischen Männern übertragen wurde. Auch die Übertragung über käuflichen Sex steigt im Bundesdurchschnitt weiter an (146 Fälle).
In anderen Regionen der Welt wird Syphilis eher zwischen heterosexuellen Kontakten übertragen.

Egal mit wem oder wie ihr Sex habt: Achtet auf eure Gesundheit! Benutzt Kondome, Lecktücher und habt immer ein Auge auf euch, euren Körper und eure Partner.

Quellen und Links zum Weiterlesen:
Rundfunk Berlin-Brandenburg: Berlin ist die Hauptstadt der Syphilis
Merkur: Syphilis: Die meisten Fälle gibt es in Berlin
Liebesleben: Syphilis

Geplantes „Prostituiertenschutzgesetz“ umstritten

Geplantes „Prostituiertenschutzgesetz“ umstritten

„Mit unserem Gesetz werden wir sie vor Gefährdungen ihrer Gesundheit, ihrer sexuellen Selbstbestimmung und vor Gewalt wirksamer schützen und sie in der Wahrnehmung ihrer Rechte stärken.“, so Familienstaatssekretärin Elke Ferner (SPD).

Das neue „Prostituiertenschutzgesetz“, das nach den Plänen der Bundesregierung bis zum Herbst durch Bundestag und Bundesrat abgesegnet werden soll, sieht unter anderem vor, dass Bordelle vor Eröffnung einer Genehmigung und Überprüfung unterzogen werden sollen. Dabei muss ein Betriebskonzept vorgelegt werden. Durch die Prüfung und Genehmigungspflicht der Konzepte sollen menschenunwürdige Konzepte wie „Flatrate-Bordell“ künftig verboten werden und vom Markt verschwinden.
Arbeits- und Wohnräume müssen in den Freudenhäuser getrennt sein. Eine Notrufnummer für Prostituierte, die Drohungen oder Gewalt erfahren, soll eingeführt werden.  Eine strikte Kondompflicht soll risikobehaftetes Verhalten gegen Aufpreis unterbinden und so auch die Sexarbeiter(innen) vor STIs und HIV schützen. Bei der Verletzung der Kondompflicht drohen dem Freier bis zu  €50.000 Geldstrafe.

Weiterhin sollen sich Sexarbeiter in Deutschland fortan behördlich registrieren lassen, und regelmäßige Unterweisungen in rechtlichen und gesundheitlichen Fragen erhalten. Dies soll auch für Frauen und Männer gelten, die sich nur gelegentlich prostituieren und damit nicht ihren Lebensunterhalt verdienen. Besonders die Registrierungspflicht führt zu scharfer Kritik beim Bundesverband der Sexarbeiter und der deutschen AIDS-Hilfe. Eine solche Registierungspflicht (wie sie auch unter dem Nationalsozialismus bestand) führe zu Stigmatisierung und dränge Prostituierte in den Untergrund. Die Betroffenen seien somit für Schutz- und Hilfsmaßnahmen erst Recht unerreichbar.

„Uns ein Bündel von diskriminierenden Zwangsmaßnahmen als „Schutz“ verkaufen zu wollen, ist wirklich zynisch“, so Undine de Rivière, eine der Sprecherinnen des Berufsverbandes für sexuelle und erotische Dienstleistungen e.V.. „Eine Registrierung bei der Polizei wäre für viele von uns eine Katastrophe und käme einem Zwangsouting gleich. Wir brauchen weder Idiotentests für Sexworker noch einen Hurenpass. Statt jetzt etwas einzuführen, was wir nur „Prostituiertenkontrollgesetz“ nennen können, sollten erst einmal die ganzen bereits vorhandenen diskriminierenden Sondergesetze gestrichen, Bordelle ganz normal dem Gewerbeamt unterstellt und Sexarbeit endlich rechtlich anderen Berufen gleichgestellt werden.“
Eine solche Meldepflicht am Tätigkeitsort sei für die Branche illusorisch. Oft seien die Frauen nur wenige Wochen am selben Ort, manche arbeiten bundesweit. Die Trennung von Wohn- und Arbeitsräumen in Bordellen sei gerade die Frauen aus dem europäischen Ausland, die einen Großteil der Einnahmen in die Heimat schicken, eine Katastrophe. Sie müssten dann große Teile ihres Einkommens für Hotelzimmer und Mieten ausgeben.
Der Bundesverband fordert eine Ende der Stigmatisierung und die Anerkennung der Sexarbeit als normales Gewerbe. Andere Freiberufler, die im ganzen Land arbeiten, müssten sich schließlich auch nicht an jedem neuen Ort registrieren lassen.

Was haltet ihr von diesem Gesetzentwurf?
Wird er die Sexarbeiter(innen) schützen oder die Stigmatisierung lediglich verschärfen?

Quellen und Links zum Weiterlesen:
http://www.queer.de/detail.php?article_id=25834
http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/prostituiertenschutzgesetz-kondom-wird-pflicht-standards-fuer-bordelle/13361646.html
http://www.aidshilfe.de/de/aktuelles/meldungen/prostituiertenschutzgesetz-neue-gefahren-statt-schutz
Neues Prostituiertenschutzgesetz
Berufsverband der Sexarbeiterinnen übt scharfe Kritik am Prostitiertenschutzgesetz (Juli 2015)

Mit Kondomen Kalkablagerungen entfernen – der Selbstversuch!

Mit Kondomen Kalkablagerungen entfernen – der Selbstversuch!

Planet- Liebe gibt jetzt auch noch Haushaltstipps? Drehen die jetzt völlig durch?
Nö, wir sind nur vielseitig!  😀

Der Frühjahrsputz steht an und dazu testen wir einen angeblichen Geheimtipp gegen verkalkte Wasserhähne: Kondome!
Wie das gehen soll? Haben wir uns auch gefragt und deshalb einen User und einen Moderator in das  „Versuchs-Bad“ geschickt. Wie wir überhaupt auf diese Idee kamen? Grundlage war folgender Podcast von detektor.fm :

Der Selbstversuch:

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1. Schritt: Verkalkten Wasserhahn orten. Am besten in der eigenen Wohnung, da die Reinigungsaktion bei Nachbarn oder Freunde sonst für ein wenig Verwunderung sorgen könnte. 😉

 

 

 

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2. Schritt: Essigessenz und Kondome besorgen. Wer abgelaufene Kondome im Haus hat, nimmt natürlich am besten diese. Das hat nicht nur einen Reinigungseffekt, sondern sorgt auch gleichzeitig dafür, dass sie nicht doch aus Versehen am/im Bett landen.
Ab mit dem Zeug zum Wasserhahn!

 

 

 

3. durex_essig3Schritt: Kondom auspacken und mit etwas Essig befüllen.

Anschließend das Kondom vorsichtig über den Wasserhahn ziehen und langsam das Wasser laufen lassen. Bei wem das Kondom nicht richtig halten will, dem kann vielleicht ein Gummi helfen!
Jetzt müsste das Kondom sich mit Wasser füllen und damit auch das verkalkte Sieb erreichen – in der Theorie!
In der Praxis haben unsere beiden durex_essig4Probanden nämlich genau an dieser Stelle Probleme festgestellt: Kondome halten verdammt viel aus. Bis zu 20 Liter Luft fasst jedes Kondom mit dem CE – Siegel (vom Kauf von Kondomen ohne CE-Siegel raten wir grundsätzlich ab, also solltet ihr sie auch nicht zum Putzen in der Wohnung haben 😉 ). Entsprechend dehnbar sind die Versuchskondome auch bei unserem Experiment. Das Wasser füllt das Kondom, bei beiden Testern erreicht die Essig-Wasserlösung aber nicht das zu entkalkende Sieb. Sie befürchten eher das Platzen des Kondomes.

4. Schritt: Wir bleiben hier wegen dem angesprochenen Problem auf rein theoretischer Ebene…
Die Lösung soll jetzt mindestens eine Stunde oder aber über Nacht einwirken. Dann kann das Kondom vorsichtig entfernt werden. Hier meinen wir wirklich vorsichtig! Einer unser Tester hat beim Entfernen leider ein wenig Lösung ins Auge bekommen. Das tut weh und solltet ihr bitte unbedingt vermeiden!

5. Schritt: Kondom entsorgen, natürlich im Müll und nicht im Klo. Haushaltsversuche für das Entfernen von Kondomen und Co. aus der Toilette wollen wir nicht testen und sollten eh immer von dem Sanitär-Experten eures Vertrauens durchgeführt werden. 😉

Fazit: So ganz praktikabel erscheint uns dieser Tipp nicht. Vielleicht geht es mit einem nicht so dehnbaren Luftballon wirklich besser. Einfacher kann es natürlich auch sein, die anderen Tipps aus dem Podcast zu befolgen oder das Sieb einfach abzudrehen einzuweichen.  Aber wir wollten in diesem Fall ja mal etwas innovatives ausprobieren.

Habt ihr diesen Versuch auch schon mal gemacht? Hat es bei euch funktioniert? Habt ihr vielleicht Tipps, wie es funktionieren kann und/oder was unsere Tester vielleicht falsch gemacht haben?

An dieser Stelle bedanken wir uns bei krava  und kopfsache für die bereitwillige (und mutige) Beteiligung an unserem kleinen Experiment. 🙂

 

 

Regelmäßiger Oralverkehr erhöht das Krebsrisiko

Regelmäßiger Oralverkehr erhöht das Krebsrisiko

Heute meldet eine große deutsche Tageszeitung mit vier Buchstaben, dass eine neue Studie aus den USA bewiesen haben soll, dass häufiger Oralverkehr zu einem erhöhten Krebsrisiko führt. Bis zu 22 Mal häufiger sollen Menschen, die eine HPV Erkrankung im Mund- und Rachenraum haben, an Tumoren in dieser Körperregion erkrankt sein. Veröffentlicht wurde die Studie im  Fachjournal Jama Oncology.

Neu ist die Diskussion nicht. Seit Micheal Douglas 2010 an Krebs erkrankte und daraufhin seine  angebliche(!) Vermutung über die Ursache in den Medien öffentlich gemacht wurde, wird über die langfristigen gesundheitlichen Gefahren von Oralsex gesprochen. Douglas hat diese Äußerung , sein Kehlkopfkrebs stehe nicht in Verbindung mit Alkohol oder Rauchen, sondern könne vom Oralverkehr kommen, später durch einen Sprecher zurückweisen lassen. Er hätte nur im allgemeinen auf einen möglichen Zusammenhang hindeuten wollen, es aber nicht im Bezug zu seiner eigenen Krebserkrankung gesehen.

So ganz neu ist auch die medizinische Grundlage der neuen US-Studie nicht. Es ist schon länger bekannt, dass HPV  die Entstehung von Krebsleiden begünstigen kann – nicht am Gebärmutterhals, sondern auch im Kopf- un Halsbereich. Eben überall dort, wo man Schleimhäute in Kontakt mit Körperflüssigkeiten kommen. Beim Oralverkehr geht das unabhängig der beteiligten Geschlechter ganz schnell. Die Enttabuisierung von Oralverkehr in den letzten Jahrzehnten und der damit gestiegene Beliebtheitsgrad oraler Praktiken spiegle sich nun in den Zahlen. Auch die steigende Zahl von Sexualpartnern im Leben eines Menschen sei ein Grund für die Entwicklung.

In Deutschland gäbe es jedes Jahr mehr als 18 000 Menschen die als Mundraum- oder Halstumoren erkranken. Der Großteil der Patienten sei männlich. Bei etwa der Hälfte der Patienten sei HPV mitverantwortlich für die Tumorbildung gewesen, zitiert die Welt im Jahr 2013 die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.
Nach Auskunft des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg  können mehrere Krebsarten durch HPV übertragen werden. „Schätzungen zufolge wird rund ein Drittel der Mund-Rachen-Tumoren durch die Viren ausgelöst. […] der durch die Viren verursachte Krebs gelte aber als besser behandelbar als bei anderen Ursachen.“ (Merkur) In Heidelberg werde aktuell auch an Früherkennungsdiagnostik geforscht, die lange vor einer Tumorbildung greifen soll und so die Behandlungschancen noch weiter verbessert.

Die Hälfte aller sexuell aktiven jungen Männer und Frauen sollen den HP-Virus in sich tragen. Bis zu 75 Prozent aller Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit dem Virus – bekanntlich sind Tumore in der vom Oralverkehr beanspruchten Region weitaus seltener. In vielen Fällen sind HPViren durch das eigene Immunsystem gut in Schach zu halten. Selbst wenn der Körper das Virus erfolgreich bekämpft, ist eine Neuinfektion nicht ausgeschlossen. Wie der Herpesvirus kann auch HPV immer im Körper bleiben.

Für Mädchen gibt es daher seit gut 8 Jahren die HPV- Impfung/Impfung gegen Virenstämme, die in Verdacht stehen Gebärmutterhalskrebs auszulösen. Die Impfung wird aufgrund von möglichen Nebenwirkungen und der begrenzten Zahl an abgedeckten Viren aber auch kritisch gesehen und diskutiert.

Die Vielzahl an HPV Stämmen sei auch ein Grund, warum die Menschen sich jetzt nicht von dem Zusammenhang verunsichern lassen sollten. In den meisten Fällen seien die Erreger nämlich ungefährlich, zitiert der Merkur den Arzt Michael Brady im Jahr 2013. Tabak und Alkohol seien die häufigsten Verursacher Tumoren im Mund und Rachenbereich. Der Lebenswandel eines Menschen ist also auch bei dieser Krebserkankung ein entscheidender Faktor.

Grundsätzlich kann man einer Infektion durch folgende Tipp vorbeugen bzw. das Risiko reduzieren:

  • Wer häufig wechselnde Sexualpartner hat, sollte immer darauf achten sich (und seine Schleimhäute) entsprechend zu schützen: Kondome und Dental Dams helfen weiter!
  • Körperhygiene im Genital- und Analbereich schützt auch vor anderen Infektionen und damit auch die Schleimhäute
  • Vermutet man bei sich oder dem/der Partner/in Genitalwarzen sollte man unbedingt zeitnah einen Arzt aufsuchen und den Verkehr vorerst einstellen. HPV zeigt sich nur selten so deutlich, sollte dann aber unbedingt Anlass zum Arztbesuch werden.
  • Die Impfung gegen HPV (16) ist auch für Männer möglich und wird sogar von einigen Krankenkassen übernommen.

Überraschen euch die Ergebnisse? Wird sich euer Sexualverhalten jetzt ändern? Seit ihr vorsichtiger und achtet mehr auf Safer (Oral)Sex?
Quellen und Links zum Weiterlesen:
Die Welt: Oralsex – wie groß ist die Krebsgefahr wirklich? (2013)
Merkur: Krebs durch Oralsex- Was sagen die Ärzte? (2013)
Menscore: Macht Oralsex Mundkrebs (2014)
Jama Oncology

Männliche Prostitution in deutschen Großstädten – Aus dem Gespräch mit einem Streetworker

Männliche Prostitution in deutschen Großstädten – Aus dem Gespräch mit einem Streetworker

Fast jeder wird die Geschichte von Christiane F. und ihrer Jugend auf dem Kinderstrich am Bahnhof Zoo kennen. Drogen brachte nicht nur sie, sondern auch zahlreiche Jungs und junge Männer in die Szene. Doch wie sieht es heute in den deutschen Großstädten aus? Das Milieu steckt für Außenstehende voller Geheimnisse und mindestens genauso vieler Vorurteile. Grund genug euch heute einen kleinen Einblick in die Arbeit von Streetworkern zu geben, die versuchen genau diesen Jungs hilfreich zur Seite zu stehen.
Meine Informationen beziehen sich dabei auf Gespräche mit Mitarbeitern eines Vereins, der sich in einer deutschen Großstadt aktiv für die Jungs einsetzt. Die Stadt und der Verein werden bewusst nicht genannt.Wenn man(n) eine Bar betritt und im Gastraum nur junge sehr attraktive Männer und tendenziell eher Herren Ü50 vorfindet, wird einem schnell klar wo man ist: in einer der in der Szene einschlägig bekannten Stricherkneipen. Diese Kneipen sind ein zentraler Punkt an dem Jungs und Freier aufeinandertreffen. Nicht immer endet das beim Sex, oftmals aber schon und die ungleichen Paare verlassen gemeinsam die Lokalität. Die Wirte wissen natürlich, was sich in ihren Räumlichkeiten abspielt. Sie sind Teil der Szene, kennen ihre Stammkunden und sind ein wichtiger Teil der lokalen, teilweise familiär anmutenden Szene.

Nachts mischen sich regelmäßig die Streetworker unter die Gäste. Verteilen Kondome und Gleitgel (welche auch oft in Boxen des Vereines in den Bars ausliegen), zeigen Präsenz und bieten somit auch die Gelegenheit zur Kontaktaufnahme und Beratung. Je nach Verein/ Stadt fahren auch regelmäßig Fahrzeuge auf den Straßenstrich um auch diese Jungs zu erreichen. Sie verteilen Flyer und Visitenkarten um auch im Notfall für die Jungs da zu sein. Gelegentlich werden sie auch zu Polizeieinsätzen im Milieu gerufen um zu vermitteln. Man kennt sich.

Diese Beratung selbst findet meist in den Vereinsräumen statt, welche ab dem späten Vormittag bis zum Abend für die Jungs offen stehen. Hier steht den Jungs nicht nur Fachpersonal zur Verfügung. Sie können sich duschen, ihre Wäsche waschen, gemeinsam kochen, schlafen und einfach mal von der Szene abschalten und zur Ruhe kommen. Hier dürfen keine Drogen konsumiert werden. Regelmäßig findet auch eine medizinische Sprechstunde statt, in der es vor allem um „Safer Work“ geht. Die Jungs werden nicht dazu überredet auszusteigen. Wenn sie es wünschen, werden sie beim Weg aus der Szene begleitet. Oftmals kommt es aber auch vor, dass die Beratungsgespräche den schon eingeschlagenen Weg in die Szene begleiten und die Grundlagen des Safer Sex erstmals vermitteln müssen. In den Beratungsgesprächen wird auch weitervermittelt: Beratungsstellen zur Drogen-/Spielsucht, Geschlechtskrankheiten, je nachdem was gebraucht wird.
Da stellt sich die Frage „Welcher junge Mann entscheidet sich freiwillig für diesen Weg?“

Die Szene ist schnelllebig. Zu Beginn der 90er war die Szene in den Großstädten voll mit deutschen Jungs aus eher ländlichen Regionen, die ihre ersten homosexuellen Erfahrungen machen wollten. Heute sind in der Szene eher wenige deutsche Jungs zu finden. Diese nutzen eher das Internet zur Kontaktaufnahme. So bleiben die Bars, einschlägigen Pornokinos und die Straße für diejenigen, die technische oder sprachliche Probleme haben. Junge Männer aus Südamerika beherrschen die Szene in Städten wie Köln. In Berlin und München sind junge Bulgaren und Rumänen aktuell in der Mehrheit. Viele können bei ihrer Ankunft kein Wort deutsch und nur sehr wenig Englisch.

Oft kommen sie nach Deutschland weil Verwandte, Bekannte oder Nachbarn ihnen vom großen Geld in Deutschland erzählen. Wie sie dieses Geld verdienen sollen, erfahren einige Jungs erst, wenn sie schon fern der Heimat sind. Im Idealfall werden die Neuankömmlinge von ihren „Anwerbern“ angelernt, in die Szene eingeführt und auf ihre Gefahren aufmerksam gemacht. Im schlechtesten Fall werden sie ins Kalte Wasser gestoßen und um ihr Geld gebracht. Besonders problematisch ist die Situation für Jungs aus Kulturkreisen in denen Homosexualität ein Tabu ist. Sie handeln wider ihrer moralischen Vorstellungen und greifen in vielen Fällen zu Drogen um die Situation erträglich zu gestalten. Dass sie Kiffen, Heroin, Chrystal, Spielsucht und Alkohol nur noch weiter in die Abwärtsspirale treiben, ist dabei nebensächlich.

Die schlechte wirtschaftliche Lage ist es, die die jungen Männer in die deutschen Städte bringt. Die meisten haben keinen Schulabschluss, viele sind Analphabeten. In ihren Dörfern verdienen sie im Monat nur einen Bruchteil von dem, was sie hier in einer Nacht auf die Hand bekommen. In einer Nacht kann ein junger Mann mehrere hundert Euro verdienen. Wenn er ganz neu in der Szene ist verdient er umso besser. Wenn sein Genital entsprechend gut ausgebildet ist, wird es noch mehr. Irgendwann ist man in der Szene bekannt, verdient hier weniger Geld. Die Gelegenheitsprostitution geht ihrem Ende entgegen.
Wer dann noch hier bleiben will, holt Frau und Kinder nach(die teilweise in der Heimat nichts ahnend warten) und bemüht sich um den Ausstieg. Der Großteil geht zurück in die Heimat, baut ein kleines Haus, lebt wieder den Alltag und versucht zu vergessen. Über das erlebte spricht man nicht. In Rumänien gibt es drei Dörfer, aus denen fast jeder junge Mann diesen Weg gegangen ist.

Die Streetworker sind mehrsprachig. Sprechen die Sprachen ihrer Jungs und werden schnell zur Vertrauten. Die Frage nach Kriminalität in der Szene wird wider meinen Erwartungen beantwortet. Die Szene sei familiär. Durch die Kneipen kennt man sich. Den „guten Ruf“ zu verlieren, könne man sich nicht leisten. Man passe auch gegenseitig auf sich auf. Gewaltaten und Diebstähle wären eher ein Problem vor den Kneipen mit Szenenexternen.
Teilweise entstehen „Beziehungen“ zwischen den Jungs und ihren Freiern. Die Jungs wohnen dort, gehen weiter in die Kneipen um Geld zu verdienen und irgendwann wieder in die Heimat oder in eine andere Stadt.

Beruhigend zu wissen, dass sie zumindest im Milieu nicht immer alleine sind, sondern die Vereine und ihre Streetworker für die Jungs da sind und ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

In Deutschland gibt es 7 Anlaufstellen für sich prostituierende Jungs und junge Männer. In der Schweiz gibt es in Zürich eine Anlaufstelle. Ich schließe diesen Beitrag mit den Kontaktdaten und einem großen Dank an die Menschen, die den Jungs tagtäglich das Leben erleichtern und ein offenes Ohr für sie haben!

Dieser Beitrag ist bereits im Jahr 2013 im Satelliten erschienen. Nach dem TV-Tipp „Ware Mädchen – Prostitution unter Zwang“ soll er hier eine Ergänzung/ Erweiterung der Thematik darstellen.

Kontaktadressen und Anlaufstellen für Jungs und junge Männer die sich prostituieren:
Berlin
subway
Nollendorfstraße 31
10777 Berlin
Tel.: 030 – 215 57 59
jungs@subway-berlin.de

Essen
Nachtfalke
Varnhorst Str. 17
45127 Essen
Tel.: 0201 / 105 37 22

Frankfurt a.M.
KISS – Kriseninterventionsstelle für Stricher
Alte Gasse 32 HH
60313 Frankfurt
Tel.: 069-293671
kiss@frankfurt.aidshilfe.de

Hamburg
BASIS-Projekt
Pulverteich 17
20099 Hamburg
U/S Hauptbahnhof
Tel.: 040-2801607
basis-projekt@basisundwoge.de

Köln
Looks e.V. Köln
Pipinstraße 7
50667 Köln
Tel.: +49 221 2405650
info@looks-ev.de

München
Marikas
Dreimühlenstraße 1
80469 München
Tel.:089 – 725 90 84
marikas@hilfswerk-muenchen.de

Stuttgart
Café Strich Punkt
Tel.: 0711/553 26 47
info@verein-jugendliche.de

Zürich
HERRMANN
Häringstrasse 3
Eing. „Speak out“
8001 Zürich
Tel.: 044 455 59 00
herrmann@zah.ch

Wer keine der hier genannten Städte in seiner Nähe hat, kann sich auch an andere lokale Beratungsstellen wenden. Eine umfangreiche Auflistung findet ihr in unserem Kummerkasten.