Geplantes „Prostituiertenschutzgesetz“ umstritten

Geplantes „Prostituiertenschutzgesetz“ umstritten

„Mit unserem Gesetz werden wir sie vor Gefährdungen ihrer Gesundheit, ihrer sexuellen Selbstbestimmung und vor Gewalt wirksamer schützen und sie in der Wahrnehmung ihrer Rechte stärken.“, so Familienstaatssekretärin Elke Ferner (SPD).

Das neue „Prostituiertenschutzgesetz“, das nach den Plänen der Bundesregierung bis zum Herbst durch Bundestag und Bundesrat abgesegnet werden soll, sieht unter anderem vor, dass Bordelle vor Eröffnung einer Genehmigung und Überprüfung unterzogen werden sollen. Dabei muss ein Betriebskonzept vorgelegt werden. Durch die Prüfung und Genehmigungspflicht der Konzepte sollen menschenunwürdige Konzepte wie „Flatrate-Bordell“ künftig verboten werden und vom Markt verschwinden.
Arbeits- und Wohnräume müssen in den Freudenhäuser getrennt sein. Eine Notrufnummer für Prostituierte, die Drohungen oder Gewalt erfahren, soll eingeführt werden.  Eine strikte Kondompflicht soll risikobehaftetes Verhalten gegen Aufpreis unterbinden und so auch die Sexarbeiter(innen) vor STIs und HIV schützen. Bei der Verletzung der Kondompflicht drohen dem Freier bis zu  €50.000 Geldstrafe.

Weiterhin sollen sich Sexarbeiter in Deutschland fortan behördlich registrieren lassen, und regelmäßige Unterweisungen in rechtlichen und gesundheitlichen Fragen erhalten. Dies soll auch für Frauen und Männer gelten, die sich nur gelegentlich prostituieren und damit nicht ihren Lebensunterhalt verdienen. Besonders die Registrierungspflicht führt zu scharfer Kritik beim Bundesverband der Sexarbeiter und der deutschen AIDS-Hilfe. Eine solche Registierungspflicht (wie sie auch unter dem Nationalsozialismus bestand) führe zu Stigmatisierung und dränge Prostituierte in den Untergrund. Die Betroffenen seien somit für Schutz- und Hilfsmaßnahmen erst Recht unerreichbar.

„Uns ein Bündel von diskriminierenden Zwangsmaßnahmen als „Schutz“ verkaufen zu wollen, ist wirklich zynisch“, so Undine de Rivière, eine der Sprecherinnen des Berufsverbandes für sexuelle und erotische Dienstleistungen e.V.. „Eine Registrierung bei der Polizei wäre für viele von uns eine Katastrophe und käme einem Zwangsouting gleich. Wir brauchen weder Idiotentests für Sexworker noch einen Hurenpass. Statt jetzt etwas einzuführen, was wir nur „Prostituiertenkontrollgesetz“ nennen können, sollten erst einmal die ganzen bereits vorhandenen diskriminierenden Sondergesetze gestrichen, Bordelle ganz normal dem Gewerbeamt unterstellt und Sexarbeit endlich rechtlich anderen Berufen gleichgestellt werden.“
Eine solche Meldepflicht am Tätigkeitsort sei für die Branche illusorisch. Oft seien die Frauen nur wenige Wochen am selben Ort, manche arbeiten bundesweit. Die Trennung von Wohn- und Arbeitsräumen in Bordellen sei gerade die Frauen aus dem europäischen Ausland, die einen Großteil der Einnahmen in die Heimat schicken, eine Katastrophe. Sie müssten dann große Teile ihres Einkommens für Hotelzimmer und Mieten ausgeben.
Der Bundesverband fordert eine Ende der Stigmatisierung und die Anerkennung der Sexarbeit als normales Gewerbe. Andere Freiberufler, die im ganzen Land arbeiten, müssten sich schließlich auch nicht an jedem neuen Ort registrieren lassen.

Was haltet ihr von diesem Gesetzentwurf?
Wird er die Sexarbeiter(innen) schützen oder die Stigmatisierung lediglich verschärfen?

Quellen und Links zum Weiterlesen:
http://www.queer.de/detail.php?article_id=25834
http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/prostituiertenschutzgesetz-kondom-wird-pflicht-standards-fuer-bordelle/13361646.html
http://www.aidshilfe.de/de/aktuelles/meldungen/prostituiertenschutzgesetz-neue-gefahren-statt-schutz
Neues Prostituiertenschutzgesetz
Berufsverband der Sexarbeiterinnen übt scharfe Kritik am Prostitiertenschutzgesetz (Juli 2015)

TV-Tipp: „Aus der Haut“ (Spielfilm)

TV-Tipp: „Aus der Haut“ (Spielfilm)

Die ARD zeigt gleich um 20:15 ein Familiendrama (Eigenproduktion). In „Aus der Haut“ geht es um.d.en 17-jährigen Milan. Er betrinkt sich, nimmt mit 1,7 Promille im Blut das Auto seines Vaters, rast durch die Stadt und überschlägt sich damit. Der scheinbare Unfall im jugendlichen Leichtsinn entpuppt sich als Selbstmordversuch des Teenagers.

Ganz einfach hatten Susann und Gustav es nie mit ihrem Sohn. „Anstregend“ und „unbrechenbar“ sei er wegen seinem ADS gewesen. Vor dem Unfall scheint sich Milan gefangen zu haben. Die Mutter konnte die lange ruhende Karriere wieder aufnehmen, macht sich selbstständig. Der Vater fühlt sich in seinem Job plötzlich unterfordert. Das über Jahre funktionale Familiengefüge beginnt zu wackeln.

Der Grund für den Selbstmordversuch bleibt den Eltern zunächst verborgen: Milan ist schwul. Milan hatte angetrunken seinen besten Freund geküsst. Dieser war entsetzt, Milan am Boden zerstört und zutiefst verunsichert. Die ( leider berechtigte) Angst vor der Reaktion in der Schule und die Unsicherheit über seine eigene sexuelle Orientierung ist groß. Der Autounfall ist eine Aktion aus purer Verzweiflung.
Milan versucht sich selbst zu finden. Er beginnt schließlich eine Affäre mit einem älteren Mann, offenbart sich seinen Eltern. Die reagieren scheinbar cool, treffen in der Folge aber Entscheidungen, die die Familie aufs Spiel setzen, während Milan versucht den Weg zu sich selbst zu finden.

Trailer:

„Er ist allerdings dennoch die seit Langem wahrste und berührendste Fernseherzählung eines Coming-outs. Ein peinigender Blick ins Innere der Scheinliberalität. Und ein annähernd komplettes Kompendium aller Verhaltensweisen und Sätze, die man sich als Eltern sparen sollte. Seit Jahrzehnten.“ (Die Welt)

„Viel früher als in der Dramaturgie von solchen TV-Filmen üblich erzählt Milan seinen Eltern von seiner Homosexualität. Eine starke Entscheidung, denn so schafft es der Autor, mehr als nur ein Coming Out eines 17-jährigen zu erzählen.[…] Ein reifer Film, der auf vielen Ebenen gut funktioniert. Merlin Rose spielt den jungen Milan wunderbar energisch.“ (Frankfurter Rundschau)

Eckdaten:
TV-Familiendrama
Deutschland/Österreich 2016
Dauer: 90 Min.
Erstausstrahlung 9. März 2016 20:15 Uhr
In der Ard Mediathek bis: 09.06.2016
Quellen und Links zum Weiterlesen:
daserste.de:  Aus der Haut
Die Welt: Mein Sohn ist schwul. Na und? Hauptsache gesund!
F
rankfurter Rundschau: Mit aller Wucht

Beitragsbild: RainerSturm  / pixelio.de

TV Tipp: Niemand darf es wissen (Doku)

TV Tipp: Niemand darf es wissen (Doku)

Bei der Geburt infiziert sich Corinne bei ihrer Mutter mit dem HIVirus. Als ihre Mutter stirbt, lebt sie längst in einer Pflegefamilie. Erst als sie 12 ist, erfährt sie von ihrer Krankheit bzw. dem Grund für die vielen Tabletten, die sie jeden Tag nehmen muss. Um ihr eine normale Kindheit zu ermöglichen, soll niemand im Dorf von Corinnes Infektion erfahren. Die Pflegeeltern drängen auf strikte Geheimhaltung. All die Jahre hat Corinne mehr Angst vor Mobbing in der Schule und sozialer Ächtung als vor der Krankheit selbst. Auch nach dem Abitur und dem beginnenden Outing bleiben Unsicherheit und Angst vor Ablehnung.

Die 37 Grad Dokumentation begleitet Corinne vom Jahr 2005 bis zu ihrem Abitur 2015. Drei Filme zeigen das junge Mädchen, später die junge Frau. Das ZDF strahlt die Dokumentation anlässlich des Weltaidstages am heutigen Abend aus. Es folgen weitere Sendeformate in den kommenden Tagen.

Auch wenn die Übertragung der Infektionskrankheit bei der Geburt in Westeuropa* heute nur noch in absolut seltenen Fällen passiert, verweist die Dokumentation auf ein Thema, mit dem viele HIV Positive in Deutschland im Alltag zu kämpfen haben. Es ist nicht der Virus an sich, der Angst macht. Es ist oftmals eher die Reaktion des Umfeldes.

Sendetermine:
37 Grad: 1. Dezember 2015 22:15
„Das kleine Fernsehspiel“ : Corinnes Geheimnis (90 Min.): 7.Dezember 2015 0:25
Für Kinder :“Stark!“ (KiKa) : Corinne – mein Geheimniss (15 Min.; mit Hintergrundinformationen aufbereitet): 6. Dezember 8:25

*In ärmeren Regionen der Welt ist die Infektionsrate über Mutter-Kind-Übertragung um ein vielfaches höher. Nicht nur der Kontakt der Schleimhäute des Kindes mit dem Blut der Mutter (während der Geburt) sind dabei problematisch. Vor allem die hoch infektiöse Muttermilch führt (auch aus Mangel von Alternativen) zu Neuinfektionen bei Kindern im Säuglingsalter.

Quellen:
ZDF: 37 Grad: Niemand darf es wissen

Zehn Tipps für Eltern zum Coming Out

Zehn Tipps für Eltern zum Coming Out

Der 11. Oktober Coming Out Day. Der Tag soll LGBT (Lesbians, Gays, Bisexuals, Transgender) Mut machen, sich vor Familie und Freunden, vor ihrem Umfeld zu ihrer Identität zu bekennen.

Die Huffington Post hat zehn Tipps für Eltern veröffentlicht, um ihren Kindern ein mögliches Coming Out zu erleichtern. Die Autorin, selbst Mutter eines schwulen Sohnes, rät:

Im Vorfeld eines (möglichen) Outings:

  • Die Eltern sollten keine Annahmen über die Sexualität ihres Kindern treffen. So sollte man das Kind nicht mit heteronormativen Erwartungen (z.B. eines Tages Kinder zu bekommen) unter Druck setzen. Umgekehrt sollte man sein Kind aber auch nicht Vermutungen, LGBT zu sein.
  • Eltern sollten sich ihren Ängsten stellen. Die Vermutung, das eigene Kind könnte homo- bzw. bisexuell oder transgender sein, löst bei vielen Eltern Sorgen und Verunsicherung aus. Sie sollten nicht so tun als sei alles gut, sondern sich ihre Ängste eingestehen, um an ihnen zu arbeiten – wenn nötig mit Hilfe.
  • Eltern sollten aufgeschlossen sein. Ein Elternhaus, in dem homo- und transphobe Äußerungen an der Tagesordnung sind, erleichtert dem Kind natürlich nicht sein Outing.
  • Eltern sollten immer ein offenes Ohr für ihre Kinder haben. Wenn das Kind weiß, dass es mit seinen Sorgen stets zu den Eltern kommen kann, erleichtert das natürlich auch ein Coming Out.
  • Bedingungslose Liebe. Das Kind sollte immer wissen, dass es geliebt wird – egal was passiert.

Nach einem Outing:

  • Auch hier gilt natürlich, dem Kind bedingungslose Liebe zu schenken.
  • Dem Kind Glauben schenken. Äußerungen wie „das kannst du doch noch gar nicht wissen“, „das geht vorüber“ oder „bist du wirklich sicher?“ sollten nicht fallen.
  • Sich für den Mut und die Offenheit bedanken. Auch wenn die Offenbarung ein Schock war.
  • Seine eigenen Ängste und Nöte ausdrücken. Niemandem ist geholfen, wenn man on falsche Freude ausbricht. Wenn man als Elternteil verunsichert ist, sollte man damit offen umgehen.
  • Niemals das Kind vor anderen outen – es sei denn, das ist mit dem Kind abgesprochen. Das Kind sollte selbst entscheiden, wen es wann ins Vertrauen zieht.

Was haltet ihr von diesen Tipps? Findet ihr sie sinnvoll, oder seid ihr anderer Meinung? Fehlt irgendetwas Wesentliches? Habt ihr selbst Erfahrungen gemacht – als Elternteil, als Kind oder auch in einer anderen Rolle?

 

Hochrangiger Vatikanpriester spricht selbstbewusst über seine Homosexualität

Hochrangiger Vatikanpriester spricht selbstbewusst über seine Homosexualität

Pünktlich zum Beginn der Familiensynode des Vatikan, auf der es um Reizthemen wie Abtreibung, Scheidung und Homosexualität gehen soll, hat ein Mitglied der Glaubenskongregation das Tabu gebrochen: In einem überraschend deutlichen und offensiven Outing hat Krystof Chamsara sich zu seiner Homosexualität bekannt und einen Richtungswechsel der Kirche gefordert, und damit nicht nur innerhalb der Kirche und in seiner polnischen Heimat für Aufsehen gesorgt.

Chamsara sei glücklich und stolz auf seine eigene Identität. Zugleich stellte er auch seinen Partner vor, womit er mit dem Zölibat sogleich ein anderes Tabuthema berührte. Homosexuelle Liebe sei eine „familiäre Liebe, eine Liebe, die Familie braucht“. Seit er zu seiner Liebe stehe, sei er ein besserer Priester und Prediger geworden. Abstinenz und ein Leben ohne Liebe sei unmenschlich, so Chamsara weiter.

Neben diesen deutlichen Worten, die viele Grundsätze der katholischen Kirche in Frage stellen, stellte Chamsara der Öffentlichkeit auch ein Zehn-Punkte-Manifest vor. Seine Forderungen an dir Kirche zum Thema Homosexualität lauten:

  • Beseitigung von Homophobie und Diskriminierung von LGBT-Menschen
  • Verurteilung der Bestrafung von Homosexualität
  • Nichteinmischung in die Menschenrechtsdebatten demokratischer Staaten (insb. mit Blick auf Zivilehe und Schutz sexueller Minderheiten)
  • Widerrufung kirchlicher Dokumente, die grausam oder inkompetent Homosexuellen gegenüber sei
  • Wiederaufnahme der Ordination homosexueller Priester
  • ernsthafte und interdisziplinäre wissenschaftliche Reflektion über Sexualmoral
  • Revision der Interpretation biblischer Texte über Homosexualität
  • ökumenischer Dialog über Homosexualität
  • um Vergebung bitten für vergangene und aktuelle Vergehen gegenüber Homosexuellen
  • Respekt und Öffnung gegenüber homosexuellen Gläubigen

Chamsara betonte jedoch, es gehe ihm nicht darum, die Kirche zu zerstören, sondern ihr zu helfen, sich zu bewegen. Große Teile des Klerus seien homosexuell und traurigerweise zugleich homophob. Zugleich dankte er „unserem fantastischen Papst“, der den Glauben an den Dialog wiederbelebt habe.

Die negative Reaktion der Kirchenspitze folgte umgehend. Seine Äußerungen seien schwerwiegend und verantwortungslos, und sie setzten die Kurie unter ungebührlichen Mediendruck. Sein zuständiger Bischof rief die Gläubigen auf, für Chamsara zu beten, der im Widerspruch zum Evangelium und den Lehren der Kirche stünde. Außerdem wurde Chamsara umgehend seines Amtes in der Glaubenskongregation enthoben.

Chamsara hatte dieses Ende seiner beruflichen Existenz bereits erwartet. Dennoch wolle er weitermachen, und sich als Anwalt für sexuelle Minderheiten und deren Familien einsetzen: „Ich glaube, dass ich auch deswegen Priester bin, um für diese Rechte einzustehen.“

Quellen:
Katholische Kirche – Schwuler Priester im Vatikan
Vatikan: Einflussreicher Theologe und Priester outet sich als schwul
Zehn gebotene Thesen: Das Manifest von Krzysztof Charamsa
[4.10.2015]

Bildquelle: Manfred Rose  / pixelio.de

Ist der Schritt mutig, oder naiv?
Sollte es mehr Menschen wie Krystof Chamsara geben?
Wird er etwas ändern, oder wird sein Aufruf verpuffen?
Wird der mit seinem Timing die Familiensynode überschatten, oder war es gerade der richtige Zeitpunkt?