Nachdem im Februar 2015 ein Schwede in Tunesien wegen „homosexueller Akte“ festgenommen und zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde, ist das nordafrikanische Land nun erneut wegen seiner homophoben Gesetzgebung in der Presse.

Am 10. Dezember sind in der Stadt Kairouan sechs Männer wegen „homosexueller Aktivitäten“ zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Wegen „unmoralischen Fimmaterials“ soll einer von ihnen 6 weitere Monate absitzen. Nach der Haft müssen die Männer fünf Jahre lang die Stadt verlassen. Kairouan gilt als eine der wichtigsten muslimischen Pilgerstädte. Angezeigt wurden sie offenbar von Nachbarn.
Es wird berichtet, dass die Männer sich (auf Beschluss des Staatsanwaltes) einer Anal-Zwangsuntersuchung unterziehen mussten. Dabei wird unter anderem ein Metallobjekt in Eierform in den Enddarm eingeführt, mit dem ein Arzt feststellen soll, ob Analsex stattgefunden hat. Ärzteverbände in aller Welt haben den Test bereits  vor Jahren für „nutzlos“ erklärt. Die Untersuchung sei eine Form der Vergewaltigung und verstoße damit gegen die UN-Antifolterkonvention. 2012 wurde dieser Test auch bei 36 Männern im Libanon durchgeführt, die zuvor in einem Pornokino verhaftet worden waren.

In Tunesien steht auf Sex mit dem gleichen Geschlecht im private Umfeld eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren (§204). Im Jahr 2012 sprach der damalige Menschenrechtsminister(!) Samir Dilou in einem Fernsehinterview Menschen, die mit dem gleichen Geschlecht Sex haben, das Recht auf freie Meinungsäußerung ab. Homosexualität  sei pervers, gilt immer noch als  absolutes Tabu-Thema.
Laut einer Studie aus dem Jahr 2013 glauben 94% der Tunesier, „dass Homosexualität in der Gesellschaft nicht akzeptiert werden dürfe“ (Pew Research Center). Auf Unterstützung von Selbsthilfegruppen muss die junge Generation verzichten. Die Erfahrungen beim Coming- Out sind oft traumatisch. Beleidigung und Ausgrenzung in der eigenen Familie sind Alltag für viele junge Homosexuelle in Nordafrika. Oft werden die jungen Menschen in arrangierte Ehen gedrängt. Ein unverheiratetes Kind gilt als Schande. Welche Folgen das für das Selbstbild, die Ehe und die Beteiligten Menschen hat, kann man wohl erahnen.

§204 wird heute zwar nur noch selten angewendet, hat aber immer noch eine enorme symbolische Kraft. Er steht für die absolute Tabuisierung bi-, trans- und homosexueller Handlungen und Lebensweisen – ein Grund für die Asylanträge junger Tunesier in Deutschland.

 manwalk / pixelio.de

manwalk / pixelio.de

Nach dem arabischen Frühling soll sich in Tunesien eine Debatte

entwickelt haben, die die Abschaffung der homophoben Gesetzgebung thematisiert. Im September diesen Jahres soll der damalige Justizminister zur Entkriminalisierung von Homosexualität aufgerufen haben. Im Oktober wurde er entlassen.
Die sechs Männer, die letzte Woche verurteilt wurden, sitzen aber anscheinend bereits ihre Strafe ab. In drei Wochen soll eine Anhörung für eine Berufung stattfinden.

Tunesische Menschenrechtsorganisationen und die junge Generation setzen sich weiterhin für die Entkriminalisierung von Homosexualität ein. Blogbeiträge und offene Lebensweise sollen die das Thema in dem streng islamischen Land zum Alltag werden lassen. Dabei stehen gerade die jungen Homosexuellen immer mit einem Fuß vor Gericht. In einschlägigen Clubs ist das fotografieren daher auch nicht erlaubt. Viele, die dort tanzen, haben Frau und Kinder. Die Angst vor dem unfreiwilligen Coming-Out tanzt immer mit.

Quellen und Links zum Weiterlesen:
queer.de : Tunesien: Keine Redefreiheit für Schwule? (2012)
queer.de: Schwuler Schwede in Tunesien verurteilt (02/15)
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ueer.de: Schwule zwischen Zwangsheirat und Aufbruch (03/14)
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ueer.de: Sechs junge Männer wegen Homosexualität verurteilt (12/15)
Spiegel online: Gericht in Tunesien verurteilt Schwule zu drei Jahren Haft
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agesspiegel: Asylgrund Homosexualität: In Tunesien durfte sie keine Lesbe sein (07/15)